Auf Deutsch: Einschränken und Freisetzen – Die Stufen von Ahimsā

by Jessica Stickler |
May, 2022
sarve bhavantu sukhinaḥ
sarve santu nirāmayāḥ
sarve bhadrāṇi paśyantu
mā kaścid duḥkha-bhāg bhavet

Mögen alle glücklich sein.
Mögen alle frei von Krankheit sein.
Mögen sich alle um das Wohlergehen Anderer bemühen.
Möge niemand Leid erfahren.

—Vedic Vedisches Gebet

Ahimsā bedeutet Nicht-Verletzen und ist eine Praxis, die uns zu Yoga führen kann. Ahimsā wird als „Einschränkung“ oder Yama kategorisiert – eine Praxis, in der wir uns zurückhalten oder davon absehen, Schaden zu verursachen. Das Konzept der Einschränkung impliziert, dass der Schaden vielleicht bereits unbewusst in unseren Gedanken, Worten und Handlungen angerichtet wurde. Der erste Schritt besteht darin, klar und deutlich zu erkennen, wie sich unser Handeln auf Andere auswirkt. Das bedeutet, dass wir uns selbst eingehend und mit Klarheit, Ehrlichkeit und Demut reflektieren. Wir können damit beginnen zu versuchen, den Schaden zu verringern, den wir in unserem Leben am deutlichsten im Außen anrichten. Gemeint ist der Schaden, der durch unser Handeln entsteht. Diese Übung erfordert, dass wir immer wieder mit einer Intention und konsequent zu derselben Handlung (oder Einschränkung) zurückkehren. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, die Bereitschaft zu haben, sich zu bemühen und durchzuhalten, bis man in der Lage ist, die neue, wünschenswerte Gewohnheit aufrechtzuerhalten.

Mit zunehmender Übung beginnen wir, mehr Innenschau zu halten: Wir gehen über die Handlung hinweg und nähern uns unseren Worten und Gedanken und sogar dem Ort, an dem die Ursache für das Anrichten von Schaden verankert ist – wir erreichen unsere fundamentalen Überzeugungen und Einstellungen. Das Etablieren einer neuen Gewohnheit kann ein gewisses Maß an Unbehagen auslösen. Shri Brahmananda Saraswati sagte: „Die Unterordnung des niederen Verlangens unter das höhere Verlangen wird Yoga genannt“. Wenn wir den Weg für eine bessere Welt ebnen wollen, müssen wird bereit sein, dass es unbequem wird, dann müssen wir bereit sein, unsere Gewohnheiten, unsere unmittelbaren Wünsche und unsere kulturell bedingten Handlungen zu verwerfen. Der erste Schritt hierzu ist die Bereitschaft, anzunehmen, dass es etwas ungemütlich für uns werden könnte.

Nach einiger Zeit fühlt sich der Verzicht auf eine schädliche Handlung nicht mehr wie eine Einschränkung an, sondern vielmehr wie eine Bejahung des Lebens und eine Übereinstimmung mit unseren innersten Werten. Dementsprechend zu handeln fühlt sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unangenehm an, sondern wird zu einem Akt der Freude, der Liebe und der Erhebung aller Wesen. Eines Tages verwandelt sich Ahimsā von einer Hinwendung nach innen und einer „Einschränkung“ in ihr Gegenteil bzw. ein Opfergabe und eine Erweiterung des Selbst. Julia Butterfly Hill erklärt: „Ahimsā bedeutet, so vollständig und gegenwärtig in der Liebe zu leben, dass für alles Andere kein Platz mehr ist“. Wächst die Praxis und weitet sie sich aus, wird Ahimsā viel mehr als eine Praxis, in der wir von Schadenzufügung absehen. Ahimsā wird zu einer Praxis, in der wir Gutes schaffen. Ahimsā ist folglich nicht nur mehr ein „Nein“, sondern ein durchdringendes inneres „Ja“ zur Fürsorge für das Netz des Lebens. Der Wunsch, sich von unnötigem Schaden abzuwenden verwandelt sich mehr und mehr in eine Affirmation der Vermehrung des Guten und führt gleichzeitig zur Ausdehnung des Gefühls dessen, wer/was wir sind.

Wir existieren nicht isoliert, sondern sind mit allem verflochten, was ist. Beherzige dies und betrachte die Summe der Wesen, die deine Existenz ermöglichen. Im yogischen Sinne kann es keine Befreiung oder Freiheit für das Individuum geben, das von der Existenz isoliert ist. Alles ist für alle, und der:die Yogi:ni gibt alles. Im Yoga versuchen wir, das Selbst als expansiv bzw. als etwas zu verstehen, das jenseits dessen ist, was wir gewöhnlich als Selbst erachten – unseren Körper und unseren Geist. Erweitere deine „Ich“-Vorstellung nicht nur um andere Menschen, sondern auch um die Pflanzen, die die Atmosphäre schaffen, die dich atmen lassen; um die Schmetterlinge, Bienen, Motten, Käfer und Fledermäuse (ja, Fledermäuse!), die die Pflanzen bestäuben; um Flüsse und Ozeane, die verdunsten und einen Ozean am Himmel schaffen, der sich in Regen verwandelt und um die Sonne, die Verdunstung erzeugt und so viele Lebewesen mit Energie versorgt. Wenn wir weit genug herauszoomen und das Netz des Lebens und die Verbindungen zwischen allen Molekülen, Mineralien, Elementen und Lebewesen betrachten, dann gibt es nichts, was nicht ich bin. Das gesamte Konzept der Selbstfürsorge verschiebt sich radikal in Richtung Fürsorge des Selbst, d. h. Fürsorge für die Luft, das Wasser, den Boden und das Ökosystem, das alles Leben unterstützt.

In der Jivamukti Yoga-Methode wird die Bedeutung von Āsana als unsere Verbindung zur Erde betont. Wir bemühen uns, durch körperliche Praktiken eine stabile und freudvolle Form zu kultivieren. Auf einer anderen Ebene erforschen wir die Verbindungen und Beziehungen, die uns vorher unbekannt waren. Unsere Beziehung zur Erde zu heilen bedeutet, unsere Umwelt zu ehren und zu pflegen. So regte uns Sharon Gannon im Unterricht oft an, als Yogapraxis „die Vögel zu füttern“. Es müssen nicht wortwörtlich Vögel sein – die Idee ist vielmehr, dass wir uns in einer täglichen Praxis darin üben, ein anderes Wesen zu nähren. Sharon schlug vor, dass wir in die Welt unseres täglichen Lebens hinausschauen und erkennen sollten, wo unsere geteilten Räume unseren Mitbewohner:innen nicht mehr zugute kommen. Möglicherweise sind wir nicht in der Lage, alle Schäden zu beseitigen, die eine Stadt verursacht, aber wir können jeden Tag ein Opfer für die Tiere um uns herum bringen, deren Lebensraum zerstört wurde.

Viele von uns empfinden angesichts der eskalierenden Klimakrise möglicherweise ein Gefühl der Resignation oder Hoffnungslosigkeit. Wenn wir uns als voneinander getrennte Wesen sehen, suchen oder schaffen wir unter Umständen keine gemeinschaftliche Unterstützung und kein gemeinsames Handeln. Vielleicht haben wir das Gefühl, dass unser Handeln nicht das gewünschte Ergebnis hervorbringen wird. Selbst die Geschichten, die unsere Kultur gewöhnlich über Aktivismus und Wandel erzählt, heben die individuelle Handlung, die einzelne Person hervor. Tiefgreifende Veränderung ergibt sich jedoch beinahe nie auf diesem Wege – sie ist in einen kulturellen Kontext, in einem Ökosystem eingebettet, in dem viele Denker:innen, Aktivist:innen, Gemeinschaftsstifter:innen und Veränderer:innen – manchmal gemeinsam, manchmal parallel zueinander – einen kulturellen Wandel herbeiführen. Auch das individuelle Handeln ist das Produkt des Umfelds, aus dem es hervorgegangen ist, und auch du kannst etwas bewirken.

Teaching Tips

  1. Verbindung anerkennen: Finde Wege, all die Menschen und Energien anzuerkennen, die zum gegenwärtigen Augenblick beigetragen haben: das Land, in dem die Yogastunde stattfindet; die Generationen von Yogalehrenden und -praktizierenden; die dazu beigetragen haben, dass wir in diesem Moment Yoga praktizieren können; die anderen Menschen im Raum (oder online); die Menschen und die Erdenergie, die in die Herstellung deiner Yogamatte, deiner Blöcke, deiner Kleidung, des Transportmittels, das dich an den Ort gebracht hat, an dem du praktizierst (und die Menschen, die das Transportmittel betreiben); sowie die Lebensmittel und das Wasser, die die Energie deines Körpers unterstützen, damit er hier sein kann. Du kannst ein konkretes Beispiel nennen oder versuchen, dir einschließlich all der oben genannten Wesen die Vielfalt der Wesen vorzustellen, die genau diesen Moment ermöglicht haben.2. Spiele mit der Vorstellung, dass Einschränkung zu Freiheit führt. Sakyong Mipham Rinpoche beschreibt Meditation so, als würde man den Geist einen schmalen Bergbach hinunterführen, bis er den weiten Ozean erreicht. Genau so lässt sich auch Āsana verstehen – als eine Praxis der Einschränkung der Bewegung auf eine bestimmte Weise und mit dem Ziel der Erweiterung unserer Fähigkeit, uns in der Welt zu bewegen (bzw. zu handeln). Pranayama ist die Beherrschung des Atems und von prana und verfolgt das Ziel, eine ultimative Ausdehnung dieser Lebenskraft zu erfahren.3. Ermutige die Menschen in deiner Klasse, durch Vinyasa „zusammen zu halten“. Wenn wir uns gemeinsam bewegen, trainieren wir unser Gehirn. Es ist erwiesen, dass gemeinsames Bewegen unsere Neigung erhöht, Anderen gegenüber mitfühlend zu handeln. Verstehe, wie sich deine Praxis auf die Menschen in deiner unmittelbaren Umgebung auswirkt. Wenn neben dir ein:e Anfänger:in übt, kann es einschüchternd und/oder verwirrend sein, wenn du immerzu dein eigenes Ding machst und fortgeschrittene Variationen übst. Alternativ kann deine Praxis auch andere Menschen im Raum unterstützen.

    4. Erzähle Geschichten über positive Veränderungen in der Welt. Wenn du Geschichten wählst, in denen eine Person als Hauptakteur:in dargestellt wird, erinnere die Übenden daran, dass diese Menschen von einer Gemeinschaft und Kultur um sie herum unterstützt wurden. Jede:r einzelne Aktivist:in hat ein Ökosystem von anderen Aktivist:innen um sich, die seine:ihre Arbeit unterstützt haben. Keine Person handelt allein.

    5. Übe Drehungen. Sie hängen mit Beziehungen zusammen, in denen wir Anderen Schaden zugefügt haben, weil das Bewusstsein unseres Selbst begrenzt war. Drehungen stehen auch mit raga (Verlangen) und dvesha (Abneigung) in Verbindung. Woher kommen unsere Vorlieben? Sehen wir sie als angeboren oder als veränderbar an? Können wir uns darin üben, Verlangen nach etwas zu empfinden, ohne das gewünschte Objekt zu konsumieren bzw. Abneigung gegen etwas zu verspüren, ohne es sofort abzulehnen? Können wir stattdessen jedes Gefühl annehmen? Können wir uns darin üben, Verlangen und Abneigung zu empfinden, ohne sofort Maßnahmen zu ergreifen, um das Unbehagen des Verlangens zu lindern oder den Schmerz der Abneigung zu beseitigen?

    6. Wie wirken sich unsere Vorlieben auf die Yogapraxis aus? Umgehe ich bestimmte Āsana oder Teile des Unterrichts, indem ich zu spät komme, zu früh aus einer Āsana herauskomme, den Raum verlasse, mich ablenke, dem:r Lehrer:in die Schuld gebe o. Ä.? Priorisiere ich bestimmte Aspekte der Praxis wie z. B. Vorwärtsbeugen und vermeide Umkehrhaltungen? Diese Fragen sind auch für uns als Lehrende von Bedeutung. Sehe ich genug Zeit für Shavasana und Meditation vor? Priorisiere ich im Unterricht womöglich Sequenzen mit dem Schwerpunkt Hüftöffnungen und vernachlässige ich im Umkehrschluss andere Bereiche des Körpers? Werden wir uns all dessen bewusst, können wir uns als Lehrer:innen selbst herausfordern, unseren Blickwinkel erweitern und unseren Schüler:innen folglich nicht nur das anbieten, was wir am liebsten unterrichten.

     

    Deutsche Übersetzung: Judith Quijano (Instagram: @quijanolanguages / Twitter: @Ju_Quijano)