Auf Deutsch: Nāda Yoga – Vereinigung durch Klang

by Nora Lim |
July, 2022
anāhatasya śabdaṣya dhvanir-ya upalabhyate
dhvaner-antargataṁ jṇeyaṁ jṅeyasya-antargataṁ manaḥ
manas-tatra layaṁ yāti tad-viṣṇoḥ paramaṁ padam

Man hört den unangeschlagenen Klang (anāhata śabda); die Quintessenz dieses Klanges ist das höchste Objekt. Beim Hören dieses Klangs wird der Geist eins mit diesem Objekt des Wissens und löst sich darin auf. Was bleibt, ist das Höchste Selbst.

HYP IV.100

Nāda wird in zwei Formen unterteilt: anāhata und āhata. Anāhata, „das Unangeschlagene“, ist der vibrierende Urklang der Schöpfung, der keine Reibung benötigt, um erzeugt zu werden. Er wird auch prānava oder Om (A-U-M) genannt und ist ein Klang, der nur mit unseren subtilen spirituellen Sinnen wahrnehmbar ist. Āhata, „das Geschlagene“, ist wiederum ein Klang, der durch das „Anschlagen“ von Luftmolekülen erzeugt wird, z. B. beim Zupfen einer Saite, beim Singen, beim Rascheln von Blättern usw. Dieser Klang ist mit den gewöhnlichen Sinnen wahrnehmbar. Śabda, der Klang, ist das subtilste der panca tanmātras bzw. der fünf subtilen Elemente, zu denen auch Geruch, Geschmack, Sehkraft und Berührung gehören – er kann aber auch das stärkste sein. Das Gehör ist der erste Sinn, der sich in der Gebärmutter entwickelt, und der letzte, der den Menschen in seiner physischen Erfahrung verlässt. Patanjali erklärt im Yoga Sutra I:32, dass der Geist Hindernisse umgehen kann, die die Meditationspraxis behindern können, indem er sich voll und ganz auf ein einziges Objekt – in diesem Fall den Klang – konzentriert. Die Meditation (dhyāna) geht samādhi voraus, also dem Zustand, in dem wird versunken sind und „eins werden mit dem Objekt des Wissens“, das uns ewige Glückseligkeit bringt. Die alten ṛṣis (Seher) waren sich dessen bewusst und haben ihre Hörfähigkeit mit solcher Intensität verfeinert, dass sie die heiligen Lehren und Offenbarungen, die so genannten Veden, „hörten“. Dies wird auch śruti, das Gehörte, genannt. Um unsere Hörfähigkeit auf das höchste Wissen von anāhata abzustimmen, können wir damit beginnen, achtsames Zuhören von āhata nāda zu üben: Das sind Geräusche in unserer Umgebung, Klänge der Natur, unsere Stimme, der Atem, heilige Musik, Klangschalen usw. Zwar ist āhata für Menschen mit körperlichen Höreinschränkungen nicht zugänglich, doch anāhata ist für alle Menschen erfahrbar.

Der Klang ist formlos, namenlos und undogmatisch und kann unsere saṁskaras in Schach halten, so dass wir ihm nicht unser persönliches Narrativ anhängen. Auf diese Weise schaffen wir eine ruhigere innere Landschaft. Meditation mit Klang und Mantra ermöglicht es uns, tief nach innen zu gehen und das geistige Geschwätz zum Schweigen zu bringen, das den Verstand unaufhörlich stört. Musik kann die gleiche Erfahrung bewirken. Indische rāgas bzw. melodische Grundstrukturen, die verschiedene Konfigurationen von Noten aus der indischen Sargam (Tonleiter) verwenden, werden entsprechend der gewünschten bhava (Stimmung) und den verschiedenen Tages- und Jahreszeiten verwendet. Der rāga Bhūpālī zum Beispiel ist eine ruhige, sanfte Melodie, die eine tiefe und beruhigende Atmosphäre schafft und bei Anbruch der Nacht gesungen oder gespielt wird; der rāga Bhairava, der als das Lied von Ṡiva bekannt ist und der Mythologie zufolge der „ādi rāga“ – die erste Tonleiter – war, drückt höchstes Bewusstsein aus und wird am Morgen gespielt oder gesungen. Musik mit inspirierendem und erhebendem Text kann bei denjenigen von uns, die ihren Klang genießen, einen höheren Geisteszustand hervorrufen und uns durch Kontext und Inhalt besser mit höheren Bewusstseinszuständen verbinden.

Wir leben in einem energetischen und schwingenden Universum. Die Quantenforschung hat uns gezeigt, dass atomare Teilchen, also Neutronen, Protonen und Elektronen und subatomare Teilchen wie Quarks in Wirklichkeit Energiewirbel sind. Alles in diesem Universum ist Energie und Schwingung – vom Grobstofflichen bis zum Feinstofflichen. Die Schwingungen, denen wir ausgesetzt sind, können unmittelbare und offensichtliche Auswirkungen auf uns haben. Zum Beispiel kann Musik sehr inspirierend sein und die perfekte Stimmung erzeugen. Mit der richtigen Musik werden schwierige Asanas mühelos. Als per se energetische und schwingende Wesen haben wir Menschen die Fähigkeit, Energie und Schwingungen, die sich außerhalb von uns befinden, durch Klang zu erkennen und uns mit ihnen zu verbinden. Dieses Erkennen und Anerkennen ermöglicht es uns, zu erkennen, was in uns ist. Wenn wir den Klang fühlen, hören und in manchen Fällen auch sehen können, findet eine Angleichung zwischen der energetischen Schwingung unserer inneren und äußeren Umgebung statt. Diese Angleichung informiert uns darüber, dass wir eins mit der Schwingung des kosmischen Universums sind.

„Am Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“. Bibel, Johannes-Evangelium 1:1. „Das Wort“ ist Synonym für Om. Die Schöpfung begann mit der Projektion der kosmischen Schwingung aus dem absoluten Bewusstsein Gottes. Diese schwingende schöpferische Kraft erzeugt einen Klang, der Om ist. „Das Wort“, von dem Johannes spricht, ist der Ozean der kosmischen Schwingung, in dem sich alle anderen Schwingungen wie Wellen bewegen. Die Varaha Upāniṣad V:69-70, beschreibt Om als „kontinuierlich, wie durchgehend fließendes Öl; das lange Läuten eines Gongs. Derjenige, der diesen immer neuen, immer inspirierenden, unsagbaren Klang kennt, kennt Veda oder alle Wahrheit, die es zu kennen gibt.“ Patanjali spricht auch von Gott als Om. In den Yoga Sutras 1:27-28 bietet er uns das Werkzeug an, über Om zu meditieren, um Gott zu erkennen. Om ist die projizierte schöpferische Kraft Gottes, die sich in der endlichen Schöpfung manifestiert. Gott zu kennen und die Vereinigung mit ihm zu erlangen, bedeutet, eins mit dieser Höchsten Intelligenz zu sein, die uns durch die Einstimmung auf das anāhata nāda bzw. Om geboten wird.

Teaching Tips

  • Übe zu Beginn des Unterrichts den brāhmarī-Atem mit ṣaṇmukhī-Mudra, um die Hinwendung nach innen und das intensive Hören zu erleichtern.
  • Stimme zu Beginn und/oder am Ende der Stunde einen fünfminütigen „Oṁ“-Ozean an. Ermutige die Schüler:innen, den Urklang von „Oṁ“ entsprechend ihrem eigenen Atemzyklus und Tempo zu singen. Sitze nach 5 Minuten Singen weitere 5 Minuten in Stille, um anāhata zu horchen.
  • Plane in deiner Stunde eine Zeit der Stille ein, in der die Übenden den Umgebungsgeräuschen lauschen, ein Geräusch auswählen und sich darauf konzentrieren. So üben sie sich im achtsamen Zuhören, ohne ihre eigenen Narrative oder Kommentare daran zu knüpfen.
  • Unterrichte eine Stunde ohne Musik, damit die Schüler:innen dem ujjāyī-Atem mehr Aufmerksamkeit schenken können.
  • Übe in deiner Klasse den Jivamukti Surya Namaskar-Sonnengruß und singe bei jedem Ausatem den Klang „Oṁ“. Verbinde auf diese Weise Bewegung und Mantra und vereine Geist, Atem und Körper.
  • Unser Sehsinn gilt als der unkritischste. Ermuntere die Schüler:innen, während vertrauter Sequenzabschnitte (wie Surya Namaskar) ihre Augen zu schließen oder eine Augenbinde zu tragen, um das Gehör zu schärfen.
  • Singe aus dem Jivamukti-Chantbook oder biete einen Kirtan an.
  • Verwende Klangschalen, Gongs oder Musikinstrumente, die die Fähigkeit des Zuhörens und der Einstimmung auf āhata nāda schärfen können.
  • Erstelle für deine Klassen Playlists, die in Einklang mit der Intention, der gewünschten Stimmung und der Zeit des Unterrichts sind. Wenn du dich beispielsweise auf den āhata-Klang „Oṁ“ konzentrieren möchtest, sollte „Oṁ“ in deiner Playlist ein wiederkehrendes Thema sein. Findet deine Klasse am Abend statt, wähle in deiner Playlist rāgas wie Bhūpālī – unterrichtest du morgens, wähle Bhairava und setze so den Ton für die Klasse. Einige dieser rāgas sind auf Musikplattformen wie Spotify oder Apple Music verfügbar. Gehe der Musik mit Text auf den Grund, um die Intention der Klasse zu vermitteln.
  • Unterrichte eine Chakra-Tuning-Klasse und nutze dabei die bījās, indem du sie laut aussprichst und im Stillen über diese heiligen Samenklänge nachdenkst.
  • Meditiere über das intuitive, spirituelle Auge ajña, dem das bījā-Mantra „Oṁ“ zugeordnet ist.