Auf Deutsch: Vinyāsa Krama – Bewegung mit der Natur

by Jessica Stickler |
October, 2022

सर्वमङ्गलमाङ्गल्ये शिवे सर्वार्थसाधिके ।
शरण्ये त्र्यम्बके गौरि नारायणि नमोऽस्तु ते ॥

Oṁ
sarva maṅgala-māṅgalye śive sarvārtha-sādhike
śaraṇye tryambake gauri nārāyaṇi namo'stu te

Gegrüßt sei die göttliche Mutter, die allen Glück bringt und den Wunsch nach Befreiung erfüllt. Verwirklichung entsteht mit ihrem Segen. Sie ist die Welt selbst. Nur durch die Erfahrungen des Lebens kann die Seele vollendet werden. Ehre dieses Geschenk, dein Leben, verneige dich vor Mutter Natur.

Durga Saptashati, Chapter 11 

„Wenn āsanas, die Abfolge von Wandlungen, mit dem Atem und bewusster Absicht verwoben werden, richten wir uns auf den kontinuierlichen Fluss, den wellenförmigen Rhythmus des Universums aus.“ – Sharon Gannon.

Vinyāsa ist eine bewegte Meditation, die fünf Komponenten umfasst: die Absicht, den Blick, den Atem, die Bewegung und mūla bandha. Wenn sie zusammen praktiziert werden, hat die Magie keine andere Wahl, als sich zu erheben! Wenn wir alle fünf Komponenten in der Praxis koordinieren, haben wir das Potenzial, Yoga zu erfahren. Ähnlich wie Musik ist vinyāsa eine Erfahrung in der Zeit. Die Ujjāyi-Atmung gibt uns einen physischen Klang, um den Fokus auf das Zuhören zu richten. Sie liefert auch ein Tempo, ein Timing für die Praxis. Indem wir unsere Bewegungen in der Zeit platzieren, können wir uns der Entfaltung der Abfolge des Lebens bewusst werden. Die rhythmische Atmung dient als musikalischer Takt oder Metronom, durch den/das sich die Abfolge von āsana wie eine Melodie bewegt. „Um die Zeit zu transzendieren, müssen wir zuerst Meister:innen des Timings werden. Wir müssen musikalisch werden.“ – Sharon Gannon.

Surya namaskār oder Sonnengruß wird typischerweise praktiziert, indem man sich fließend zu einem gleichmäßigen Atem durch eine Reihe von āsana bewegt, wobei jede Bewegung den gleichen Atem erhält. Der Atem und der Körper bilden zusammen eine Art von Musik. „Yoga ist wie Musik: Der Rhythmus des Körpers, die Melodie des Geistes und die Harmonie der Seele bilden die Symphonie des Lebens.“ – BKS Iyengar.

Die Vinyāsa-Praxis wird manchmal auch als „bewegte Meditation“ bezeichnet. Anders als bei einer sitzenden Praxis, bei der die Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Objekt gerichtet ist, fokussieren wir bei Vinyāsa buchstäblich den stets gegenwärtigen, sich entfaltenden Moment (kṣaṇa) – wir meditieren über die Zeit selbst. Der dṛṣṭi/Blick bewegt sich mit unserer Aufmerksamkeit, unsere auf einen Punkt gerichtete Aufmerksamkeit folgt dem Fluss der Zeit durch die Reihe unserer Handlungen. Man denke beispielsweise an Zeitrafferfilme, die die gesamte Entwicklung einer Blüte im Schnelldurchlauf zeigen: Durch den Zeitraffer können wir sehen, wie jeder Moment in einer ununterbrochenen Abfolge zum nächsten führt. „Der Yoga liegt in den Übergängen.“ – David Life.

Wenn wir die Natur der Veränderung auf diese Weise erforschen, können wir vielleicht auch einen Blick auf das werfen, was unveränderlich und ewig ist. Wenn wir vinyāsa krama praktizieren, bewegen wir uns durch den Raum und beobachten alles, was sich verändert, den Körper, den Geist, die Umgebung; um auch das wahrzunehmen, was sich nicht verändert: das ewige Selbst, die ultimative Wirklichkeit, Brahman.

Die Praxis gibt uns auch Einblicke in die Eigenschaften von Ursache und Wirkung. Die Bewegungen sind eine Erforschung dessen, wie wir in der Welt handeln. Krishna erinnert Arjuna daran, dass die Aufgabe des:r Yogin:is das Ergründen von weisem Handeln (und weiser Untätigkeit) ist. Indem wir erforschen, wie Gedanken zu Worten, Worte zu Handlungen und Handlungen zu Gewohnheiten werden, können wir das Selbst in seiner Beziehung zu Anderen untersuchen. Indem wir verstehen, woher unsere Beweggründe kommen und wie unsere Vorurteile und Präferenzen unser Handeln beeinflussen, steigern wir unser Verständnis und unser Einfühlungsvermögen für andere und verstärken unsere eigene Tendenz, in der Welt mitfühlend zu handeln. Inzwischen haben Studien sogar gezeigt, dass

unser Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit zunimmt und sich darüber hinaus unsere Neigung zu mitfühlendem Handeln erhöht, wenn wir uns im Einklang bewegen.

Die konsequente Anwendung von mūla bandha verbindet die anderen Komponenten miteinander, gibt ihnen allen einen energetischen Schub und kanalisiert sie in eine Richtung – wie ein Glasfaserkabel, das die Energie in eine bestimmte Richtung bewegt. Mūla bandha organisiert und lenkt die Energie der fünf Komponenten des Vinyāsa.

Dṛṣṭi, der Blick, bezieht sich auch auf unsere Vision; darauf, in allem das Göttliche zu sehen. Eine höhere Intention, die Hingabe und die Liebe zur Erforschung des Selbst mit dem Ziel, unsere Verbindung untereinander zu verstehen, erheben die Praxis von einer banalen Reihe von Bewegungen zu dieser unbeschreiblichen Erfahrung. Ebenso, wie das Gefühl von Musik nicht allein durch Noten auf einem Blatt Papier vermittelt werden kann, bedarf es auch hier einer Kombination aus Instrument, Musiker:in und dem Genie des Geistes.

Teaching Tips

1. Lies Sharons Essay über Vinyāsa Krama: https://jivamuktiyoga.com/fotm/vinyasa-krama/

2. Unterrichte eine oder mehrere der fünf Vinyāsa-Komponenten im Detail. Unterrichte z. B. eine Sequenz oder eine Klasse, in der du besonderes Augenmerk auf den Blick legst oder versuchst, mūla bandha aufrechtzuerhalten, oder vertiefe die Arbeit mit dem Atem usw. Der Gedanke dahinter ist, dass die Beherrschung jeder der Komponenten zu einer stärker zusammenhängenden Vinyāsa-Erfahrung führen kann.

3. Erläutere das Alignment (die Ausrichtung) und die Übergänge der wichtigsten Teile der Vinyāsa-Praxis, z. B. den Übergang von Chaturanga Dandasana zum heraufschauenden Hund. Lasse die Schüler:innen an einem nahtlosen Übergang von einem zum nächsten arbeiten, ohne dabei die Vollendung der Form zu vernachlässigen (achte auf die Tendenz, chaturanga abzukürzen oder in die Planke zu gehen und dort zu warten). Erinnere die Schüler:innen daran, dass es nicht nur darum geht, von Punkt A zu Punkt B zu gelangen, sondern darum, den gesamten Prozess zu beobachten und durchweg zu atmen – so wie eine Blume, die sich entfaltet, oder die Sonne, die sich nahtlos durch den Himmel bewegt.

4. Unterrichte striktes Vinyāsa: Um Vinyāsa zu unterrichten, müssen die Schüler:innen zunächst die Bewegungsabläufe kennen. Beginne also damit, die Sequenz zu unterrichten, erinnere sie an die anderen Komponenten und gib ihnen dann Zeit, an den fließenden Bewegungen und an der gleichzeitigen Anwendung aller fünf Komponenten zu arbeiten. – Option A) Eine Möglichkeit besteht darin, mit einem Metronom zu üben, um die Gleichmäßigkeit von samavritti zu betonen: jeder Atemzug ist gleich lang und das bedeutet, dass bestimmte Bewegungen verlangsamt oder beschleunigt werden müssen, um sich dem Atem anzupassen. Das ist eine wunderbare Übung, um Vorlieben zu erkennen bzw. festzustellen, dass man schneller durch schwerere Asanas gehen und an Stellen verweilen möchte, die leichter sind, oder um zu bemerken, dass der Atem automatisch kürzer oder länger sein möchte. Die meisten Schüler:innen werden anfangs das Ausatmen als leichter wahrnehmen, um erstens das Meeresrauschen zu erzeugen und zweitens die Länge des Atems zu kontrollieren. Das bedeutet, dass wir verstärkt an der Einatmung arbeiten müssen. Wenn wir auf diese Schwierigkeiten und Hindernisse stoßen, gehen wir mit Achtsamkeit, Neugier, Geduld und Ausdauer vor. – Option B) Eine andere Möglichkeit ist, den Schüler:innen Zeit zu geben, um eigenständig und ohne Anleitung zu üben – das geht, wenn sie die Abfolge gut kennen und ein gutes Verständnis von ujjāyi haben. Es könnte ein wenig herausfordernd sein, die Sicherheit aufzugeben, der Stimme und den Anweisungen des:r Lehrers:in zu folgen, doch sie werden die Elemente viel tiefgreifender verstehen und Vertrauen und Unabhängigkeit gewinnen. – Option C) Versuche ein Experiment und ermutige die Gruppe, sich so viel wie möglich gemeinsam zu bewegen, und sei es nur für einen kleinen Teil der Klasse. Lade die Schüler:innen dazu ein, ihre Sicht zu erweitern und einen Teil des umliegenden Blickfelds einzunehmen, damit sie die anderen Übenden neben und vor sich sehen und herausfinden können, wie sehr

sie ihre Bewegungen synchronisieren können. In etwa wie Vogel- und Fischschwärme, die zusammenbleiben und ihre Bewegungen synchron aufeinander abstimmen.

5. Wähle Musik, die das Tempo des Vinyāsa unterstützt. Dies wird wahrscheinlich von Lehrer:in zu Lehrer:in und von Sequenz zu Sequenz ein wenig anders sein. Schaue, ob du ein paar Lieder finden kannst, die wirklich gut zu deiner Atemzählung passen, besonders für Surya Namaskar oder andere Teile der Klasse, für die du ein regelmäßiges Tempo halten möchtest. Außerdem ist es hilfreich, während der Teile der Klasse, in denen der:die Lehrer:in die meisten Anweisungen gibt, Musik mit weniger englischem/deutschem/usw. Text zu hören. Andernfalls müssen die Ohren der Schüler:innen zu sehr zwischen den Anweisungen und dem Lied hin- und herspringen.

6. Beobachte Vorlieben in der Praxis. Du könntest zum Beispiel feststellen, dass du die schnelleren Teile des Unterrichts „magst“ und dass du dazu neigst, während der längeren/langsameren Teile der Klasse mit den Gedanken abzuschweifen oder dich zu langweilen. Oder du lässt dir gerne Zeit, magst es nicht, dich in den schnelleren Teilen der Klasse „gehetzt“ zu fühlen. Es ist in Ordnung, Vorlieben zu haben, aber der:die Yogin:i mag es, diese Vorlieben gründlich zu erforschen und sich selbst herauszufordern, manchmal das Gegenteil von dem zu tun, was er:sie „will“.

7. Beobachte, wie sich deine Präferenzen in der Praxis zeigen. Eine Tendenz, die ich in meiner eigenen Praxis häufig bemerke, ist beispielsweise das „Vorwegnehmen“ dessen, was der:die Lehrer:in sagen wird oder das Bewegen vor der Anweisung, der Sequenz oder der Gruppe. Wenn ich das feststelle, versuche ich, langsamer und bewusster zu werden.

8. Korrelationen (auch, wenn alles miteinander verbunden ist und sich überschneidet). Ujjāyi, Nāda. Dṛṣṭi, Dhyāna. Bewegung, Ahiṃsā. Intention, Bhakti. Mūla bandha verbindet alle Elemente miteinander. Die Schriften sind die Grundlage für alles.

 

Deutsche Übersetzung: Judith Quijano