FOKUS DES MONATS NOVEMBER 2014: DIE KRAFT DER SEELE

by Sharon Gannon |
November, 2014

 “hanam esham kleshavad uktam”

“Das größte Hindernis auf dem Weg zur Erleuchtung sind unsere eigenen Vorurteile, die aufgrund unserer Neigungen und Abneigungen entstanden sind.”

-Patanjalis Yoga Sutra (PYS IV.28)

Yoga ist die Praxis glücklich zu werden. Nicht gewöhnliches Glücklichsein, sondern tiefes und langanhaltendes Glück, das nicht beeinflusst wird durch die Hochs und Tiefs des Lebens. Durch Yoga erwachen wir, langsam und mit der Zeit, und während Stück für Stück der Schleier der Ignoranz abfällt, die uns davon abhält, unser wirkliches Selbst zu sehen, sehen wir mehr und mehr das klar, was ist, und erhalten damit die Kraft, unser Leben im Fluss mit dem göttlichen Willen zu leben. Denjenigen von uns, die diesen Weg gehen, stehen gleichzeitig enorme Herausforderungen und Möglichkeiten bevor. Unsere Kultur einhergehend mit Materialismus, Ausbeutung und völliger Missachtung des Wohlergehens andererTiere, der gesamten Natur und der Erde selbst drängt uns immer weiter zu einer Art Zerreissgrenze, während wir zur gleichen Zeit eine immense Veränderung unseres Bewusstseins erleben. Um uns durch diese aufwühlende Zeit zu navigieren und um in das Licht eintauchen zu können, müssen wir uns von dem lähmenden Vorurteil lösen, welches uns für tausende von Jahren hat schlafen lassen, unsere Ansichten verdreht und uns genötigt hat, Sklaverei, Ausbeutung und Massenmorde von Tieren als normal anzusehen. Die Basis dieses Vorurteils ist die Lüge, dass Tiere keine Seele haben. 

Im obigen sutra identifiziert Patanjali Vorurteile als die größten Hindernisse für den Zustand von Yoga. Vorurteile basieren immer auf Fehlwahrnehmungen, welche wiederum von Ignoranz kommen. Ignoranz beginnt da, wo eine Lüge erzählt wird, ihr Glauben geschenkt wird und dann diese Lüge sich selbst und anderen erzählt wird – den Glauben in sie zu solchen Ausmaßen vertiefend, dass er beeinträchtigt, wie du dich selbst und den anderen, dem du Vorurteile gegenüber hast, siehst, was zu dieser Verdrehung der Wahrheit führt. Vorurteile sind mentales Elend, welches den Geist mit Irreführung beschmutzt. Um dich selbst von diesen Vorurteilen zu befreien, musst du die Lüge im Keim ersticken. Nur Wissen kann Vorurteile im Keim ersticken und die Wahrheit aufdecken. 

 

Viele religiöse Traditionen predigen, dass nicht-menschliche Tiere keine Seele haben oder dass sie nicht die Art Seele haben, die erlaubt, mit Gott in Kontakt zu treten. Patanjali lehrt uns, dass wir die Wahrheit sehen werden, wenn wir genau hinschauen. Tatsächlich musst du nicht einmal so genau hinschauen, um zu sehen, dass Tiere auch eine Seele haben. Wenn sie atmen und ihr Herz schlägt, ist das schon der Beweis dafür, dass sie eine Seele haben. Am Leben zu sein bedeutet eine Seele zu haben. Alle Lebewesen, egal welcher Haut-, Haar-, Federn-, Schuppen- oder Fellfarbe sie sind und ob sie auf zwei oder vier oder auf gar keinen Beinen laufen, sie sind alle Personen – sie haben alle eine Seele.

Das ist auch präsent in unserer Sprache: das Wort anima ist der Stammfür das Wort animal – Tier, und es beutetet “Seele, die lebt”. Definitionsgemäß haben also alle Lebewesen eine Seele, ob menschlich oder nichtmenschlich. Jedes Lebewesen hat eine Seele. Wenn jemand stirbt, verlässt die Seele den Körper und das ist der einzige Moment, in dem wir diesen Körper als einen bezeichnen können, der keine Seele hat. Es ist egal, welche Art Person du bist, ob ein Mensch, eine Katzen-, Hund-, Kuh-, Vogel- oder Fisch-Person, alle Lebewesen haben eine Seele; wenn sie keine hätten, wären sie tot. 

Es geht auch aus unzähligen Geschichten hervor, dass Tiere sich weit herausragender verhalten, als die starren Auffassungen in Kultur und Wissenschaft ihnen das je zugestanden haben, in einer Art und Weise wesentlich humaner, als sich viele Menschen verhalten. Zum Beispiel Delphine, die sie sich um ihre sterbenden Freunde kümmern, Hunde, die auf Essen verzichten, um mehr für ihre Familienangehörigen übrig zu haben, Oktopusse, die ihren Bau dekorieren, Vögel, die Wörter benutzen, um ihr Bedauern zu bekunden und vieles mehr. Wenn diese Tiere nichts mehr wären als ein Automat, dessen Verhalten durch Gene bestimmt wird, wie könnten sie dann so eine Verbundenheit mit anderen und der Welt um sie herum herstellen?

Jivamukti bedeutet Befreiung der Seele – aller Seelen, nicht nur der menschlichen Seele. Um Befreiung zu erreichen, müssen wir uns von unseren eigenen Vorurteilen verabschieden. Asana und Meditation können dabei helfen. Bhakti kann helfen. Vegan zu leben kann helfen. Aber keine Praxis wird effektiv sein, wenn wir nicht gewillt sind, unseren Geist und unser Herz zu öffnen, um hinter die Fassade der “Realität” zu schauen, die uns von unserer Gesellschaft präsentiert wird. Wenn wir die Befreiung erreichen, werden wir erkennen, dass es keinen Unterschied zwischen den Individuen jeder Spezies gibt. Wir alle sind eins – wir sind alle eine göttliche Seele. 

-Sharon Gannon

Copyright Deutsche Übersetzung: Jivamukti Yoga Berlin GmbH. Die englische Originalfassung findet sich unter https://jivamuktiyoga.com/teachings/focus-of-the-month/p/soul-power

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team