Jivamukti Fokus des Monats April 2013: Beerdigen oder Verbrennen?

by Sharon Gannon |
April, 2011

 “Wenn ich eine Leiche sehe, möchte ich sie beerdigen, nicht essen.”

Ingrid Newkirk 

Die Katze Grandma war zwanzig, als sie am Tag der Wintersonnenwende starb. Wir errichteten im Haus einen Altar und legten ihren Körper darauf, umgeben von Blumen, Kerzen und Räucherwerk. Gemeinsam mit den anderen Katzen verbrachten wir den Tag vor ihrem toten Körper, beteten und gedachten unserer Liebe für sie. Am nächsten Tag gingen wir hinaus, um einen passenden Platz für ihr Grab zu finden. Der Boden war kalt und gefroren und es war schwer, mit der Schaufel ein richtig tiefes Loch zu graben. Also schlug David vor: “Warum machen wir keinen Scheiterhaufen und verbrennen ihren Körper?” Ich stellte mir vor, wie ich am Feuer saß und ihrem kleinen schwarz-weissen Körper beim Verbrennen in den Flammen zusah – mit dem Geruch von verbranntem Fleisch. “Nein, verbrennen kommt nicht in Frage, wir müssen sie begraben.” 

Dieser Vorfall ließ mich etwas darüber verstehen, wie verschiedene Kulturen mit ihren Toten umgehen, und wie dies mit dem Umgang und dem Verständnis dieser Kulturen mit bzw. von Tieren zusammenhängt. Die Mitglieder der drei von Abraham gegründeten Religionen – Judentum, Christentum und Islam – pflegen alle ihre Toten zu begraben, anders als die Hindus, die die Körper kurz nach dem Tod verbrennen. Fleisch zu essen (das Essen toter Körper) ist im Judentum, Christentum und Islam genauso verbreitet wie der Vegetarismus im Hinduismus – …interessant. Ich wuchs als fleischessende Christin auf, und der Geruch kochenden Fleischs ist in meinem Bewusstsein eingespeichert als der Geruch von Abendessen – nicht als der Geruch, den ich mit der Beerdigung eines Freunds oder Familienmitglieds in Verbindung bringe. Die Abscheu, die wir fühlen, wenn wir verbrennendes menschliches Fleisch riechen, hat ihren Grund in der Ähnlichkeit mit dem Geruch von kochendem Fleisch, das wir als seelenlos ansehen müssen, wenn wir es mit dem Gefühl essen wollen, das geschehe schuldlos und wäre gerechtfertigt.

Tatsächlich gibt es auch im Westen Feuerbestattungen. Aber anders als an Orten wie Indien, wo die Einäscherungen draußen, unter dem Blick der Öffentlichkeit, stattfinden, wird im Westen der Körper abgeholt und für ungefähr 4 Stunden bei über 800 Grad Celsius in einen verschlossenen Hochtemperaturofen gesteckt. Um jedes Risiko der Abscheu und des Ekels zu verhindern, ist alles, was die Freunde und die Familie sehen, die saubere, geruchlose Asche, die übrigbleibt. 

In der Bibel und im Koran findet man die Geschichte von Abraham, und sie erzählt davon, wie Gott Abraham bat, seinen Sohn Isaac (oder Ismael im Koran) zu opfern. Aber als dieser gerade dabei war, seinen Sohn ins Feuer zu stoßen, tauchte ein Engel auf um zu sagen: “Du hast deinen Glauben und deine Achtung vor Gott unter Beweis gestellt, und daher ist Er zufrieden mit dir; binde also deinen Sohn los und lege ein Lamm an dessen Stelle ins Feuer.” Ritualisierte Tieropfer – Tiere zu töten, ihre Körper zu verbrennen und daraufhin ihr Fleisch im Namen Gottes zu verteilen – legten den Grundstein der drei Weltreligionen, Judentum,Christentum und Islam. Sie bildeten außerdem auch das politische Herzstück und trugen zur Etablierung der Urbanisierung bei – eine Art, ortsgebunden zu leben, die tief verwurzelt in der Ausbeutung von Tieren ist, in ihrer Versklavung, Ausbeutung, ihrem Kauf und Verkauf und ihrem Verzehr, die erfordert, dass man Tiere als seelenlose Objekte betrachtet, deren einziger Zweck ist, von uns Menschen benutzt zu werden.  

Vor der großen landwirtschaftlichen Explosion, die die Geburtsstunde des Kapitalismus und der Urbanisierung war und damit gleichermaßen der Welt, wie wir sie heute kennen, lebten die Menschen wild gemeinsam mit anderen wilden Tieren in ihrer natürlichen, wilden Umgebung. Zu dieser Zeit fühlten die Menschen sich verbunden und als gleiche Seelen mit der ganzen Natur. Aber als wir begannen, andere Lebewesen zu versklaven (zu domestizieren), mussten wir uns von ihnen abspalten, und genauso unsere Verbindung zur gesamten Natur verleugnen. Aufwendige Rituale wurden angewandt, um diese Trennung zu erreichen und Schuld zu eliminieren. Ritualisiertes Töten war Teil dieses Prozesses. Domestizierte Tiere wurden in den Tempel gebracht, um dort Gott geopfert zu werden, getötet durch Prieser während der Rezitierung heiliger Gesänge, sie wurden auf Feuer gelegt und dann entweder entgeltlich an die Person zurückgeben, oder das Fleisch wurde verkauft und an andere verteilt. Genauso wie die menschliche Population weiter anwuchs, wuchsen auch die Herden domestizierter Tiere, die Städte wuchsen, und ebenso die Tempel und die politische Macht. Religiöse Tempel wurden mehr und mehr zu kommerziellen Schlachthäusern. Vor zweitausend Jahren kannte man Jerusalem auch als die “rote Stadt”, nicht wegen der wunderschönen Sonnenuntergänge, die farbenfroh von den Stadtmauern reflektiert wurden, sondern wegen des purpurfarbenen Bluts, das die Abflussgräben flutete, die aus den Haupttempeln kamen – das Nebenprodukt der vielen Tieropfer, die dort stattfanden. Alle drei Religionen von Abraham werden von einer  speziezistischen Sicht getragen, die Tiere als dem Menschen unterlegen bewertet. So kann in diesen Religionen das Verbrennen nicht als akzeptabel betrachtet werden, da dies den Tieren vorbehalten ist, nicht den Menschen.  

Vegetarismus war nicht immer eines der Hauptmerkmale des Hinduismus. Ritualisierte Tieropfer spielten eine großeRolle in der frühen vedischen Kultur. Die Brahmanenpriester führten die Tieropfer durch, und ursprünglich war der Verzehr von Fleisch nur den Brahmanen gestattet. Nachdem jedoch religiöse Reformen durch Jainismus und Buddhismus herbeigeführt wurden, wurde der Hinduismus zu einer Religion, die Werte wie Gewaltlosigkeit und damit die Praxis des Vegetarismus hochhielt. Die Verbrennung wurde dagegen unter den vegetarischen Hindus, Jains und Buddhisten zur populären Methode, menschliche Leichen zu entsorgen.

Wenn wir beginnen, uns die Rituale unserer Kultur genau anzusehen, einschließlich der Begräbniszeremonien, könnten wir die Wurzeln vieler grausamer Praktiken entdecken, die sich tief und unhinterfragt in unseren Lebenswandel eingegraben haben, und möglicherweise wird uns dann klar, dass viele dieser Verhaltensweisen erlernt sind.  Die gute Neuigkeit ist, dass wir, wenn wir die Ursache eines bestimmten Verhaltens erkennen, auch feststellen, dass dieses Verhalten nicht unbedingt natürlich oder tief in uns verankert ist, und damit erinnern wir uns, dass Erlerntes auch wieder verlernt werden kann. Wir können alte Gewohnheiten unserer gegenwärtigen, auf Tiersklaverei basierenden Kultur auflösen und einen neuen Lebensstil erschaffen. Wir können uns wie Phoenix aus der Asche der Opferfeuer erheben und höher fliegen, als wir uns je vorstellen konnten. 

— Sharon Gannon

  Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH; englische Originalfassung unter http://jivamuktiyoga.com/teachings/focus-of-the-month/p/bury-or-burn

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team