Jivamukti Yoga Fokus des Monats April 2012: Sag OM während des Sterbens (oder mit dem Klang des OM sterben)

by Sharon Gannon |
April, 2012

om ity ekaksharam Brahma / vyaharan mam anusmaran yah prayati tyajan deham / sa yati paramam gatim (BG VIII.13) – Wer sich während des Sterbens daran erinnert, OM zu rezitieren, wird das höchste Ziel erreichen.

 

Mich hat dieser Vers der Bhagvad Gita immer ein bißchen verwirrt. Ich dachte, Krishna würde eher gesagt haben „rezitiere meinen Namen“, aber stattdessen schlägt er vor, während des Sterbens „OM zu sagen“. Ich habe viele meiner Freunde, die Krishna-Jünger sind, oft sagen hören „OM ist was für Yogis oder Vedantists“, nicht für Krishna Bhaktas, und ich habe bemerkt, dass viele der Krishnamantras nicht mit OM beginnen, wie es viele der anderen Mantras der Gottheiten tun. Aber interessanterweise sagt Krishna direkt im nächsten Kapitel in Vers 17 „ich bin der Klang OM“. In OM findet sich der Klang des Göttlichen in seiner wichtigsten Manifestation, mit anderen Worten: Man spricht den Namen Gottes aus, wenn man OM sagt. Ich denke, dieser Vers gibt eine Anleitung, wie man während des Prozesses des Todes bewusst die Seele mit der Kraft des OM  aus dem physischen Körper ziehen kann.

 

Krishna gilt als der oberste Yogi, und der beste Weg, Seine Lehren zu verstehen, ist der, selbst in die Praktiken einzutauchen, die Er vorschlägt. Denn durch Selbsterfahrung kommt die Erkenntnis früher. Mein Guru Sri Brahmananda hat mir beigebracht, die Bija Mantras in Verbindung mit den Chakras zu singen. Auf Grundlage seiner Anleitung übe ich Shavasana als eine Praxis, mich auf meinen eigenen Tod vorzubereiten. Während ich auf meinem Rücken liege, rezitiere ich die Bija Mantras laut, bewege mich durch die sechs Chakras, von der Wurzel (muladhara) bis zum dritten Auge (ajna): LAM, VAM, RAM, YAM, HAM, OM. Wenn ich beim Sahasrara Chakra angelangt bin, singe ich ein stilles OM, und dieses stille OM wirkt als durchgreifende Überleitung meines Bewusstseins in eine erweiterte Wirklichkeit. Nach diesem letzten OM beginnt ein vollständiges Loslassen des physischen Körpers – alle Gelenke zwischen den Knochen scheinen sich zu lösen, Spannung löst sich, und es entsteht ein Gefühl von großer Weite – vielleicht kommt dies dem nahe, was ich mir nur als sterben vorstellen und mutmaßen kann – mein Atem stoppt, und mit ihm Gedanken und Gefühle – ich fühle mich körperlos dahintreiben – ein befreiter Geist. Dies dauert normalerweise nur für einen Moment oder so, aber nichtsdestotrotz ist es doch besonders, dass das Singen der Bija Mantras, das seinen Höhepunkt in dem letzten stillen OM findet, das Erleben eines Kevalam Kumbhaka unterstützen kann – ein spontanes Aussetzen des Atems und der Gedanken, das in der Hatha Yoga Pradipika als Eingangsstufe von Samadhi klassifiziert wird. Für einen kurzen, fast zeitlosen Moment sind wir Yoga – befreit von allem Verlangen – fühlen uns ganz und vollständig, brauchen gar nichts. Man hört nicht im eigentlichen Sinn zu atmen auf, stattdessen wird man Bestandteil des Atems in einem Ausmaß, dass kein Bedürfnis besteht, zu atmen, den Atem aufzunehmen und „in sich“ zu bringen. In der Lage zu sein, mit Leichtigkeit und einem Gefühl für die Richtung zu sterben, ist die Definition eines guten Todes.

 

Vor diesem letzten stillen OM, mit jedem Schritt des Singens der Bija Mantras und dem Fokus auf dem damit verbundenen Chakra und dem jeweiligen Bereich des Körpers, habe ich jedes Mal das Gefühl, mein Leben über meinen Körper in Ordnung zu bringen. Es ist eine Art „Hausputz-Gefühl“, wenn Dinge, die nicht mehr erforderlich sind, losgelassen wurden, und Dinge, die in Unordnung waren, zurück an ihrem Platz sind, und das „Haus“ ist besser gestaltet und bietet Platz für all dies. Es bereitet mich zugleich auf das stille OM vor. Ich denke nicht, dass man den kurzen Weg nehmen, die anderen Chakras und Mantras ignorieren, sich nur hinlegen, still das OM singen und damit dieselbe Art von Erfahrung zu Tage fördern kann. Wenn du mir nicht glaubst, versuch’ es selbst. Leg’ dich hin und atme ein, dann atme mit dem Klang OM aus und beobachte, ob die verkürzte Erfahrung gleichwertig mit dem methodischen Prozess des Gangs durch die Chakras ist, das jeden Körperteil nach sukzessivem Vorgehen mit den Mitteln des Atems und der Mantras zerlegt.

 

Während des Sterbeprozesses verlässt jedes Element den Körper in einem organisierten Ablauf, beginnend mit dem Element Erde im Wurzelchakra, aufsteigend zu Wasser, Feuer, Luft, Äther und dann nachfolgend feinstofflichere Formen von Äther. Die Praxis des Shavasana, die ich oben beschreibe – das methodische Vorgehen von unten nach oben über die Bija Mantras – ist eine Mediation über die Loslösung von den Elementen, die natürlicherweise im Moment des Todes bei jedem passiert, auch wenn sich das bei einem Yogi bewusster abspielen wird. Auf diesen Prozess bezieht sich der vorangehende Vers in der Gita, in dem Krishna die Anweisung gibt „wenn wir die Pforten des Körpers schließen und den Geist zum Herzen ziehen, steigt die Lebensenergie in den Kopf“ (BG VIII.12).  Wenn das Prana in den höheren Chakras unseres Kopfes ist, und wir im genau richtigen Moment das OM rezitieren, sind wir möglicherweise imstande, den Flug unserer Seele durch die Krone des Kopfes zu beeinflussen, durch das Sahasrara oder Kronenchakra, und unser höchstes Ziel zu erreichen – Freiheit.

 

Shavasana, oder die Totenstellung, kann eine Praxis für diesen wichtigen Moment sein, wie die Mundaka Upanishad beschreibt: „OM ist der Bogen, der Pfeil ist unsere eigene Seele, Brahman ist das Ziel, das Ziel der Seele.“

 

Von vielen Übenden wird die Zeit in Shavasana als Ruhezeit angesehen, sich von den Anstrengungen der Asanas zu erholen. Aber wenn der Übende anfängt, die Bedeutung von Shavasana zu untersuchen, wird er/sie erkennen, dass diese Asana eine greifbare Möglichkeit bietet, das Sterben bewusst zu üben und sogar Samadhi zu erleben. Wenn wir das Sterben üben, können wir uns von der Angst vor dem Tod, genannt Abhinivesha, befreien, die für Yoga ein Hindernis darstellt, und uns auf einen guten Tod sowie das endgültige Erreichen des höchsten Ziels hin zubewegen: Das Erreichen des kosmischen Bewusstseins, genannt Maha Samadhi, die Befreiung von Samsara. Dann gibt es keinen Grund mehr, noch einmal geboren zu werden.

 

— Sharon Gannon

 

Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH (Vera Christopeit); englische Originalfassung unter http://www.jivamuktiyoga.com/focus/focus.jsp 

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team