Jivamukti Yoga Fokus des Monats August 2012: Liebe jeden und sage die Wahrhei

by Sharon Gannon |
August, 2010

Liebe jeden und sage die Wahrheit

 

vitarka-badhane prati-paksha bhavanam (PYS II.33)

Wenn gestört von störenden Gedanken, denke an das Gegenteil.

 

Ram Das fragte seinen Guru, Neem Karoli Baba, über Erleuchtung: „Was kann ich tun, um ich erleuchtet zu werden?“ und Maharajji antwortete, „Liebe jeden und sage die Wahrheit.“ Ram Das nahm die Worte seines Gurus ernst, und versuchte sich in dieser Übung. Aber nach ein paar Tagen kehrte er zu Maharajji zurück und sagte, „Ich habe es versucht und herausgefunden, dass die Wahrheit ist, dass ich nicht jeden lieben kann.“

 

Diese Art von Wahrheit, die Ram Das hier anspricht, ist Lüge – die Lüge, die zwischen dir und deiner Erleuchtung liegt: Wenn du dich mit deinen negativen Emotionen identifizierst, glaubst, dass deine Wut, deine Enttäuschung, dein Hass, deine Aversion oder Traurigkeit die Wahrheit sind. Selbst Aussagen wie „Ich bin wütend“ oder „Ich bin traurig“ sind ein Mittel, das wir einsetzen, um uns selbst zu überzeugen – uns selbst zu belügen darüber, wer wir wirklich sind. Die meisten von uns haben keine Werkzeuge, die uns helfen zu verstehen, wo negative Emotionen herkommen oder dass wir wählen können, sie zu fühlen oder nicht – dass sie eine Möglichkeit sind, keine Gegebenheit. Aber nichtsdestotrotz – aufgrund unserer Konditionierung und der eigenen Verstärkung dieser Konditionierung durch Gewohnheit – wenn sie in uns aufkommen, dann fühlen wir sie tatsächlich und in diesem Moment erscheinen sie ziemlich real. Ihre Gegenwart ist so stark, dass es nicht einfach ist, sie zu ignorieren. So wie bei einer Person, die sich dir gegenüber aggressiv verhält, ein klassischer Tyrann beispielsweise, bei der es schwierig ist, sie zu ignorieren und aus dem Weg zu gehen, weil man im Netz ihrer energetischen Schwingungen gefangen ist – du fühlst ihre Wut und das macht dir Angst. So wie sich Tyrannen mit einer negativen Emotion wie Wut identifizieren, so identifizierst dich in ihrer Gegenwart ebenfalls mit einer negativen Emotion wie Wut oder Angst. Emotionen können ansteckend sein und können die Art und Weise, wie andere sich fühlen, beeinflussen.

 

Warum sind negative Emotionen so gängig? Weil sie zufriedenstellen – zumindest sorgen sie für ein kurzzeitiges Gefühl an Zufriedenheit in der Art, dass du dich lebendig fühlst. Das ist ein Grund, warum sie so abhängig machen können. Du wirst abhängig von Wut, weil sie dir Auftrieb gibt. Es kommt zu einer entsprechenden chemischen Ausschüttung von Adrenalin, dein Herz schlägt schneller, dein Blut zirkuliert und du fühlst dich bestärkt. Hört sich gut an, nicht? Ja, aber nicht für jemanden, der auf der Suche nach Erleuchtung ist, der Erkenntnis der Einheit allen Seins, denn diese Bestärkung, welche dir negative Emotionen geben, nährt auch dein Gefühl von Isolation, da es dich in deinem Getrenntsein bestärkt. Negative Emotionen beeinflussen dich immer psychologisch, indem sie Gefühle von Getrenntsein und Isolation von anderen intensivieren.

 

Die meisten von uns wurden so erzogen, dass sie sich machtlos fühlen. „Ich allein gegen alle anderen“, „Ich brauche alle Kraft, die ich kriegen kann, um gegen die Bösen zu kämpfen – die ganze Welt ist gegen mich.“ Und wie bei den meisten Abhängigkeiten baut man eine Toleranz auf, so dass man immer mehr Anreiz braucht, um den Rausch zu spüren – es ist eine uns nach unten ziehende Spirale. Wut kann zu Enttäuschung führen, die zu Frustration führen kann, die zu Traurigkeit führen kann, die zu Depression führen kann und so geht es weiter und weiter. Mit jeder nach unten führenden Spirale trainierst du deinen Geist, deinen Körper und dein Hormon- und Nervensystem, den Forderungen deines Verlangens nachzukommen, und irgendwann bist du gefangen an einem dunklen Ort der Beschämung, der Selbstsucht, der Selbstverachtung – das Gegenteil von erleuchtetem Bewusstsein, das sich durch Freiheit, Gelassenheit und Leichtigkeit im Sein ausdrückt.

 

Wut und andere negative Emotionen mögen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt richtig und gerechtfertigt anfühlen, doch Ram Dass realisierte letztendlich, indem er weiter praktizierte, was sein Guru ihm zu erkennen gab: „Es ist interessanter frei zu sein, als Recht zu haben“.

 

Bei spiritueller Praxis geht es darum, die Sonne erscheinen zu lassen – Licht in die Dunkelheit zu werfen – oder sich auszudehnen, dort, wo es vorher eng und einschnürend erschien. Dieses Wachsen in eine Ganzheitlichkeit ist nicht immer einfach, da man versucht neue Wege einzuschlagen, um auf Situationen zu reagieren – wachsende Schmerzen neigen dazu, schmerzvoll zu sein. Das Ziel von spiritueller Praxis ist ein erweitertes Bewusstsein – oder kosmisches Bewusstsein – in dem dein Gefühl von Selbst sich so weit ausdehnt, dass es jede Form von Existenz mit einschließt – bei dem sich die Grenzen zwischen dem Selbst und anderen auflösen. Tief in unseren Herzen möchten wir im Grunde alle dasselbe. Es macht keinen Unterschied, wer du bist. Du bist vielleicht zeitweilig im Körper eines Menschen oder eines Hundes, einer Katze, eines Vogels oder einer Kuh, aber jenseits äußerlicher Unterschiede, sehnen sich alle Seelen nach Liebe. Zu beginnen, sich selbst in anderen zu sehen, fördert positive Gefühle wie Freundlichkeit und Mitgefühl. Dies führt zu Toleranz und der Fähigkeit Gemeinsamkeiten zu erkennen, eher als Unterschiede, was letztendlich zu Liebe führt – der Erfahrung von Verbindung. Und Liebe führt uns zur wirklichen Wahrheit – der wirklichen Wahrheit, dass wir alle Eins sind.

 

–Sharon Gannon

 

Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH (Tina Guthknecht); englische Originalfassung unter http://www.jivamuktiyoga.com/focus/focus.jsp 

 

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team