Jivamukti Yoga Fokus des Monats Februar 2013: Schüttel Dich, Baby

by Sharon Gannon |
February, 2013
Shake it up Baby

„Well shake it up, baby, now, twist and shout“-John Lennon, Twist and Shout

Ich bin in einer Kleinstadt in Südindien. Die Luft ist stickig. Es ist nachmittags und ich sitze auf einer rostigen Metallbank in einem kleinen Raum mit dreckigem Fussboden mit 4 anderen Personen, die alle darauf warten, den Arzt zu sehen. Ich bin mit einer Freundin da, um ihr Unterstützung anzubieten. Sie fühlt sich seit ca. einer Woche nicht wohl. Sie sagt, dass ihr ganzer Körper weh tut, sie das  Interesse am Essen verloren hat, dass sie es schwierig findet, morgens aus dem Bett zu kommen. Sie fühlt sich nicht nur körperlich müde, sondern auch emotional depressiv, mit einem wiederkehrenden Gefühl von „Wozu das alles?“, welches über ihr wie eine dunkle Wolke hängt. Schließlich ruft uns der Arzt in sein Sprechzimmer. Er fragt sie, was los ist, und sie erzählt ihm, wie sie sich fühlt. Dann fragt er sie nüchtern „ Möchten Sie sich besser fühlen?“ worauf sie antwortet, „Ja“. Dann stehen Sie auf und nehmen die Füße auseinander, stehen Sie gerade, nehmen Sie die Arme neben den Körper“ kommandiert  er, und obwohl etwas irritiert von seinem Ton, gehorcht sie. „Jetzt fangen Sie an, sich zu schütteln, heben Sie ihren rechten Fuß vom Boden und schütteln Sie ihn, dann den Linken, jetzt beide Hände und Arme, schütteln Sie ihren Kopf, entspannen Sie ihr Kinn, bewegen Sie sich, Bewegung, Bewegung-legen Sie sich auf den Boden und rollen Sie herum-Bewegung, strecken Sie Ihren Körper, machen sie weiter-jetzt stehen Sie auf und schütteln Sie sich komplett“ ermuntert er sie, während er die ganze Zeit mit seinen Händen einen Rhythmus klatscht. Er lässt Sie sich für gute 5 Minuten ohne zu stoppen schütteln, während ich nur in einer Ecke saß und zuguckte. Dann sagte er,  „Ok, Sie werden sich jetzt besser fühlen, bitte geben Sie mir 20 Rupees.“  Wir bezahlten und verließen die Ayurvedische Klinik- wir lachten beide unkontrolliert. Meine Freundin war von ihrer Krankheit geheilt, indem sie ihren Körper bewegt hat. Man kann sagen, sie hat ihre Krankheit abgeschüttelt.

 

Ayurveda, welche oft als Schwesternwissenschaft zum Yoga verstanden wird, verschreibt oft, den Körper zu schütteln, wenn man sich nicht wohl fühlt, quasi als ersten Schritt, eine Krankheit zu behandeln. Schütteln kann als Medizin eingesetzt werden. Durch absichtliches Schütteln erhöht man nicht nur die Blutzirkulation, sondern auch die Zirkulation von Prana, der  universalen Lebenskraft, die alles Leben anregt und verbindet. Wenn Prana fließt, kann das Ergebnis als „Auftrieb“, Optimismus und sogar Ekstase verspürt werden. Schütteln ist ein Weg, um die essentielle Vitalität des Lebens voran zu bringen: Deine alten, unbewussten Wege des Seins werden durchgeschüttelt und Du kannst dann Deine Grundsätze neu platzieren, was für Mitglieder einer eingezwängten Gesellschaft, die als ihre normalen Grundlagen das Konzept und die praktische Applikation von Beschränkung/Gefangenschaft ansieht (einige Beispiele aus all dem was heute als normal angesehen wird in unserer Gesellschaft: Tiere in der Massentierhaltung, Ziervögel in Käfigen, Hunde an der Leine, Trensen und Sättel auf Pferden, eingezäuntes Land, in einer Reihe gepflanzte Bäume, Bonsai Bäume, eingedämmte Flüsse, ebenso wie Menschen, die in beengten Wohnungen oder Häusern leben, die Grundstücksgrenzen sicher festgelegt, nicht zu vergessen die Einengung unserer Körper in Kleidern und Schuhen, die die Freiheit der Bewegung beschränken) nichts anderes als eine radikale, revolutionäre Handlung ist.

 

Das Ziel von Yoga ist moksha: Befreiung, Freiheit. Durch die Yogapraxis können wir unsere gegenwärtige Kultur auflösen, „entmanteln“ und wiederauferstehen als die wilden Wesen, die wir eigentlich sind! Die Entwicklung von Yoga war eine Reaktion gegen die zunehmende Urbanisierung , die fokussiert war auf die Ausbeutung von Tieren und der Erde- zähmen, versklaven und begrenzen- in diesem Prozess haben wir uns selbst gezähmt, versklavt und begrenzt. Viele Leute fühlen sich heutzutage eingesperrt in ihren Körpern und können keinen Weg finden ein volles Leben zu erfahren-eingesperrt in einen „Kopf-Trip“ erkennen sie den Körper unterhalb des Halses nicht mehr als iIntelligent an und suchen stattdessen Entertainment und Stimulation in der Form des Konsums – Shoppen, TV, Essen oder Trinken – alles einfach nur, um irgendetwas zu fühlen.

 

Schütteln als eine Art der Heilung zu nutzen, ist nicht neu und sehr universal. Ich war in einem Masai Dorf in der Nähe von Nairobi und habe Masai Krieger beobachtet, die nach oben und unten springen, bis ihr Lächeln in Gelächter ausbrach, uns so wieder ihre Verbindung herstellen zu den anderen Tieren und zur Erde und zum Himmel. Ich habe an der pazifischen Nordwestküste mit einer echten amerikanischen „Shaker“-Familie  gelebt, die Schütteln und Zittern genutzt hat, um sich direkt mit Gott zu verbinden. Ich war in Istanbul  und habe gesehen, wie sich Sufi-Dervische für Stunden drehen, um sich mit der Angst vor dem Tod zu konfrontieren und diese zu verlieren. Gleichwohl muss man alle diese Beispiele als zahm und verdinglicht ansehen, als ritualisierte, religiöse Erfahrungen, die eine nur vergleichsweise blasse Ähnlichkeit zu den viel wilderen Schüttel-und Zittertechniken der alten Yogis und Schamanen aufweisen, welchen nach Wegen suchten, um zu erfahren, sich zu erinnern und sich neu zu verbinden mit dem, was unvorhersehbar und unbezähmbar ist: Mit der Wildnis, der wahren Spiritualität, die für immer glückselig, ekstatisch, frei, nackt, grenzenlos, anarchistisch und ungebundenes Glück ist, mit dem also, was wir wirklich sind.

 

— Sharon Gannon

 Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH; englische Originalfassung unter http://www.jivamuktiyoga.com/teachings/focus-of-the-month/p/shake-it-baby

 

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team