Jivamukti Yoga Fokus des Monats Januar 2012: Kirtan.

by Sharon Gannon |
January, 2012

Durch das Wiederholen des Namen Gottes wird langsam aber unweigerlich unser Innerstes aufgedeckt und uns persönlich offenbart. – Krishna Das

 

Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare

Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare

 

Die yogischen Schriften besagen, dass für jedes yuga, also für jede Epoche, Ära oder Zeitspanne, eine bestimmet spirituelle Praxis am geeignetsten ist.

 

Während der Kali Yuga, unserer aktuellen Epoche, ist die wirksamste Praxis, um Befreiung aus dem Lebensrad des „Samsara”,zu erlangen, das Singen der heiligen Namen Gottes. Die Welt besteht aus Klang. Alles, was in dieser Welt manifestiert ist, entstammt aus Klang und wird weiter als Klangschwingungen pulsieren. Klang – wie z.B. das Singen von Mantren, oder wie z.B. in vielen Religionen das Rezitieren von Gebeten – kann uns zu Gott führen, und wie uns die Hatha Yoga Pradipika lehrt: Wenn man Gott erreicht, wird man Klang finden (Vers 4.100). Das Sanskritwort Mantra wird aus zwei Klängen zusammengesetzt: “Man“, was „Geist“ bedeutet, und „tra“, was soviel bedeutet,  wie „zu überqueren“ oder „zu schützen“. Die wörtliche Übersetzung des Wortes Mantra, bezieht sich also auf das, was uns hilft Gewohnheiten und unbewusste Muster des Geistes zu überwinden.

Auch wenn das Chanten von Mantren oft eher privat betrieben wird, kann man es ebenso in einer Gruppe praktizieren. Vielleicht ist es unsere Entfremdung zu Gott und zu der Natur, zueinander und zu uns selbst, die dazu führt, dass viele von uns in sozialer Hinsicht im Bezug auf ihren Körper und ihre Gefühle verklemmt, verkrampft und peinlich berührt sind und enorme Hemmungen und Ängste haben, wenn es dazu kommt, in der Öffentlichkeit zu sprechen oder gar zu singen. Die yogische Praxis von Kirtan kann uns helfen, dieses Dilemma unserer modernen Welt zu überwinden.

Das Wort Kirtan bedeutet „zu sprechen, etwas zu erwähnen, anzusprechen“. Kirtan ist  das „Ruf-und-Antwort-Singen“ von Mantren, den Namen Gottes oder das Besingen von Gottes Herrlichkeit. Gewöhnlich wird Kirtan in einer Gruppe gesungen, in der es einen Leadsänger gibt, Kirtan-Wallah genannt, welcher eine Zeile rezitiert oder singt, und die Gruppe antwortet, indem sie die Zeile/Strophe wiederholt. Gute Kirtan-Wallahs sind in der Lage, die Gruppe auf höhere bzw. tiefgehendere Stufen der Ekstase zu bringen, in welcher der rationale Teil des Geistes mit dem Herzen verschmilzt. Oft erreicht dies dann einen Höhepunkt der Ekstase und Tränen der Freude fließen. Wer von dieser Euphorie befangen wird, vergisst seine weltlichen Probleme und wird in einen höheren Bewusstseinszustand befördert, in welchem nur das Gesetz der Liebe regiert. Da gemeinhin der Name Gottes gleichgestellt wird mit Gott, wird durch das Singen von Gottesnamen die Gegenwart Gottes herbeigerufen. Und so erlangt man einen ganz besonders engen Kontakt zu Gott, was letztendlich das Ziel von Yoga ist: Sich mit dem Göttlichen in Allem zu verbinden bzw. zu vereinigen. Die Sehnsucht der Seele nach Gott fordert ein, sich weiter und tiefer mit seinen Gemütszuständen auseinanderzusetzen, denn auch der süßen Melancholie von Liebesliedern liegt eine tiefe Sehnsucht zugrunde, sich mit der Quelle von allem wiederzuvereinigen.

Der  große heilige Bengali Bhakti Chaitanya aus dem 15. Jahrhundert  gilt als der Vater des modernen Kirtan,  weil ihm zugeschrieben wird, Kirtan als spiritueller Praxis erstmal zu großer Popularität verholfen zu haben. Kirtan gab es aber schon vor Chaitanya und sicher wurden Mantren schon jahrhundertelang vorher rezitiert. Jedoch kann man sagen, dass Chaitanya dafür verantworlich ist, Kirtan erstmals vollkommen zugänglich und man könnte sagen hot, hip und mit Sicherheit holy gemacht zu haben! Er hat Leute auf die Tanzfläche gebracht! Er war ein Macher und Beweger! Das ekstatische Erlebnis, welches durch das Singen der Namen Gottes und das Tanzen in entzückender Selbstvergessenheit entsteht, befreit nicht nur die Seele, sondern befreit auf vielen anderen Ebenen, u.a. auch physisch und intellektuell. Man muss nicht Gelehrter sein, auch muss man nicht lange heilige Schriften auswendig gelernt haben, man muss nicht die Existenz Gottes diskutieren, man muss genauso wenig jahrelang in einer Höhle gesessen und meditiert haben, man muss nicht in der Lage sein Atem und Herzschlag zu kontrollieren und auch nicht den Körper eigenartig verrenken können, um Bhakti Yoga zu praktizieren. Auch muss man kein ausgebildeter Musiker oder Tänzer sein. Alles was man tun muss, ist den Willen zu haben, völlig loszulassen und anzufangen, Gottes Namen zu singen – die Magie des Klangs wird sich um alles Weitere kümmern.

In unserer Kultur wird oft ein erhebliches Abweichen zwischen dem, was man denkt, dem was man tut und dem was man sagt, als völlig normal angesehen. Durch die Praxis von Kirtan kann man zu sich selbst kommen, indem man unterdrückte Gefühle aufkommen lässt und durch die göttliche Stimmung oder den bhav reinigt, wo alle Gefühle erlaubt sind. Kirtan ist eine Möglichkeit, das Herz  von allen aufgestauten, verdrängten Gefühlen, die mit dem weltlichen Leben einhergehen, zu befreien. Es gibt eine alte alchimistische Lehre, die besagt: Durch Wiederholung wird das Magische gezwungen, hervorzutreten. Ich denke, das ist es, was beim Kirtan passiert. Du singst wieder und wieder die gleichen Mantren zu einfachen Melodien, das Gefühl baut sich immer weiter auf, bis du im hemmungslosem Rausch anfängst, zu lächeln, zu lachen oder manchmal sogar zu tanzen. Bei einer solchen Erfahrung wird die Wahrnehmung dessen, was im Bereich des emotionalen Erlebens möglich ist, verschoben. Das kann man Magie nennen. Im Königreich des Bhakti bedeutet es nichts, ausgeklügelte Rituale ausführen zu können, philosophische Konzepte zu debattieren oder verzerrte Asanas auszuführen. Ist die Seele erst in der Gegenwart Gottes, herrscht nur noch die höchste Liebe. Kirtan setzt das Herz frei, um sich mit dem geliebten  Höchsten zu verbinden. Wenn wir Gottes Namen singen, wird unser ganzes Wesen verwandelt und wir sind in der Lage, unseren denkenden Geist zu überwinden und den Zustand von Ganzheit und Heiligkeit zu erreichen. Letztendlich ist es Klang, der unser Dasein zur Existenz bringt. Wenn die göttliche Gegenwart auf Erden herrscht, wird diese Präsenz durch Musik hervorgebracht.

 

— Sharon Gannon

 

Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH (Sandra Gerhard); englische Originalfassung unter http://www.jivamuktiyoga.com/focus/focus.jsp 

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team