Jivamukti Yoga Fokus des Monats Juli 2011: Der Lehrer als Spiegel

by Sharon Gannon |
July, 2011

guru satyam guru jnanam guru anandam guru shantih

Mein Lehrer ist die Wahrheit, ist die Weisheit, mein Lehrer ist die Glückseligkeit, mein Lehrer ist der Frieden.

 

Oft sagen Schüler, wenn sie über ihre Lehrer sprechen, Dinge wie: „Es war, als würden sie geradewegs durch mich durchsehen. Es gibt nichts, was ich vor ihnen verbergen könnte, in ihrer Gegenwart bin ich durchsichtig. Sie erinnern mich an Gott. Ich fühle mich vollständiger, wenn ich bei ihnen bin. Sie scheinen alles über mich zu wissen, und trotzdem lieben sie mich bedingungslos.“ Wie kommt es dazu? Was für eine Art der Beziehung ist das? „GU“ bedeutet „Unwissenheit, Ignoranz, die die Wahrheit verdunkelt“. „RU“ bedeutet „Das, was entfernt“. Der Guru ist der Mittler. Der, der die Unwissenheit beseitigt, so dass die Wahrheit zutage treten kann.

 

Die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer ist spiritueller Art – eine Beziehung, die auf Identität ausgerichtet ist. Die Suche nach der Identität ist die letztendliche Suche. Sich selbst zu kennen, herauszufinden, zu entdecken, wer man ist, ist die eine, die einzige Wahrheit, nach der jeder sucht. Der Schüler sucht sich einen Lehrer aus, weil er wissen will, wer er selbst ist. Er sucht Hilfe, um die verwirrende Komplexität und die Begrenzungen seiner eigenen Person zu verstehen. Man könnte sagen, der Schüler hat eine Identitätskrise. Meistens beginnt diese Suche mit der Erfahrung von Unzufriedenheit und dem Gefühl, womöglich mehr sein zu können, als man zu sein dachte. Oder mit dem Gefühl, dass das Leben möglicherweise mehr bereithält, als Essen, Schlafen, Geld, Sex, Heirat, ein Haus, einen Job und das Anhäufen von immer mehr materiellen Dingen. Das ist auch der Grund, warum der spirituelle Weg sich nicht für „normale“ Leute eignet. Er ist vielmehr etwas für Menschen, die nach mehr suchen, als nach Erfolg in den Gefilden der drei Grundbedürfnisse, welche die drei unteren Chakras befeuern: Geld, Sex und Ruhm. Wenn diese Gefilde plötzlich weniger interessant werden, befindet sich diese Person an dem kritischen Punkt, an dem sie beginnt zu erkennen, dass sie mehr ist als ihr Körper und ihre Gedanken, mehr als ein von Haut umschlossenes Ego. In diesem Moment fragt sie sich plötzlich ernsthaft: Ist das Leben vielleicht doch mehr als das? Macht es Sinn, mitfühlend, großzügig, und freundlich zu sein? Was ist Liebe? Und existiert Gott?

 

Wir alle brauchen Hilfe, um unsere wahre Identität erkennen zu können. Die Aufgabe des Lehrer ist es, dich darin zu unterstützen. Ein Lehrer ist derjenige, der sieht, wer du wirklich bist, der jenseits deiner persönlichen Marotten blicken kann und dich als heiliges Wesen erkennt. Es die Kraft der Liebe, die es dem Lehrer ermöglicht, diese Wahrheit wahrzunehmen.

 

Liebe ist, was uns alle verbindet. Sie ist die Ursache unseres Seins, das Medium, durch das alles erschaffen, erhalten und erneuert wird. Echte Liebe ist so schlüpfrig wie Quecksilber und kann nicht festgehalten werden, während sie gleichzeitig anziehend, umschließend, beschützend, nährend und dauerhaft ist. Traditionell dient der Lehrer als Objekt der Liebe, indem er dem Schüler die Möglichkeit gibt, ihn zu lieben. Lehrer und Schüler sind sich einig, dass Liebe die Basis ihrer Beziehung ist. Durch seine Anwesenheit bietet der Lehrer dem Schüler einen Konzentrationspunkt, in den er seine Gefühle schütten kann. Aber es ist keine gewöhnliche Beziehung, da die üblichen Beziehungsaspekte fehlen: Materielle Bereicherung, sexuelle Befriedigung und Bestätigung des Egos sind kein Bestandteil dieser Beziehung. Man könnte sagen, es ist eine „reine“ Beziehung in dem Sinn, dass der Lehrer dem Schüler nichts gibt, als das, was schon das altbekannte Lied beschrieb: “I can’t give you anything but love,” „Ich kann dir nichts als Liebe geben“. Es gibt nichts, was der Lehrer vom Schüler braucht oder will außer dessen Zufriedenheit und letztlich dessen Erleuchtung: Selbsterkenntnis und die Erkenntnis der Liebe.

 

Der Lehrer ermöglicht diese Erkenntnis dadurch, dass er dem Schüler als Spiegel dient, und sowohl seine äußeren als auch seine innersten Wünsche reflektiert und dadurch dem Schüler enthüllt, wer er wirklich ist. Der Lehrer erinnert den Schüler an Gott, der letztendlich unsere wahre Identität ist. Bevor man sich auf ein Lehrer-Schüler Verhältnis einlässt, ist es wichtig sich darüber klar zu werden, was man will und ob man bereit für das ist, was an die Oberfläche kommt. Denn es wird alles an die Oberfläche kommen. Wenn man sich ihm aber mit Demut, Respekt, Dankbarkeit und einem gewissen Abenteuersinn nähert, kann der Lehrer eine Tür sein, ein magischer Spiegel, durch den der Schüler in die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten eintreten kann.

 

-Sharon Gannon

 

Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH (JYB-Lehrer Claudia Lichtenwald); englische Originalfassung unter http://www.jivamuktiyoga.com/focus/focus.jsp )

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team