Jivamukti Yoga Fokus des Monats Juli 2012: Yoga und Sexualität

by Sharon Gannon |
July, 2012

In der heutigen westlichen Kultur kommen gewöhnlich bei Gedanken an Yoga und Sexualität Bilder von orangegekleideten Mönchen, die im Zölibat leben, auf. Oder andersherum: tantrische Sexpraktiken, die den Übenden zu höheren Bewusstseinsebenen führen sollen, gleichzeitig aber ein bißchen geschmacklos erscheinen. Was sagt Yoga aber wirklich über Sex?

 

Unsere Einstellung zum Yoga im Westen ist stark von Shankacharya beeinflusst, einem Vedanta-Lehrer aus dem 8. Jahrhundert, auf den die Sannyasinbewegung zurückgeht – Sannyasin sind Menschen, die orange Gewänder tragen und sich von der Welt abkehren. Aber Vallabhacharya, ein anderer großer Lehrer aus dem 16. Jahrhundert, hat gelehrt, dass der Weg zu Gott über die weltlichen Akitivitäten führt, und die Anhänger seiner Lehren sind verheiratet.

 

Dem Yoga, wie es im Yoga Sutra des Patanjali und in der Hatha Yoga Pradipika erklärt wird, liegt kein negatives Weltbild zugrunde, wenngleich man schon sagen kann, dass im Sinne des Yoga ein unreiner Körper oder ein ignoranter Geist potentielle Hindernisse auf dem Weg zur Erleuchtung darstellen. Yoga bietet Techniken, die Körper und Geist beherrschen helfen mit dem Ziel, den Körper zu reinigen und alte negative karmische Tendenzen zu überwinden. Yoga verwandelt den Körper in ein Instrument, das genutzt werden kann, um größeres Wissen zu erlangen oder anzuzapfen, was wiederum zu moksha führt – Befreiung von Samsara, dem Kreislauf von Geburt/Leben/Tod. Die Absicht bedingt das Ergebnis jeder Handlung, so dass wir gute und reine Absichten haben müssen, wenn wir unsere Handlungen veredeln wollen. Man kann sich zum Beispiel aus egoistischen Gründen mit Sex beschäftigen – um jemanden zu erniedrigen oder zu dominieren – oder man kann Sex mit jemandem haben, um ihn zu ehren und zu erheben. Man könnte das erste „Vergewaltigung“, das zweite „Liebe“ nennen. Derselbe Akt, aber mit unterschiedlicher Intention.

 

Das Wort „Sex“ entspringt dem griechischen Wort für „Trennung“, welches den Unterschied zwischen „Dir“ und „mir“ noch einmal verstärkt. Das Wort „Yoga“ meint genau das Gegenteil von Sex. „Yoga“ heisst „zusammenbringen, Trennung auflösen“. Yoga ist eine tantrische Praxis. Tantra ist ein Begriff aus dem Sanskrit und bedeutet ausdehnen (tan) über (tra). Die Englischen Wörter „travel“ und „traverse“ kommen von diesem tra. Der Begriff tantra bezieht sich tatsächlich auf die Fähigkeit, die Wahrnehmung von sich zu lösen und auf andere zu beziehen – die große Lücke, die uns voneinander trennt, hinter sich zu bringen oder sich darüber hinaus  auszudehnen. Die Haupttechnik im Tantra ist die, dem anderen ein Gesicht zu geben – den anderen als Person zu sehen. Wenn man sich wirklich die Zeit nimmt, tief in eine andere Person hineinzusehen, wird man sich selbst sehen. Das ist eine Hauptlehre des Yoga, auch Leere genannt oder shunyata auf Sanskrit.

 

Vereinfacht ausgedrückt kommt alles, auf das wir treffen, aus uns selbst. Man kann sagen, dass uns die Geister unserer vergangenen Handlungen/die Phantome unseres vergangengen Karmas wieder einholen. Wenn man wirklich mal während des Sex mit jemandem diesen tiefen Blick in diese Person wagt – wirklich so nackt zu sein – könnte das dem Sex die Sexiness nehmen. Liebe kann etwas furchteinflößendes sein, denn in der Liebe gibt es niemand anderen: die Gesichter, die Körper gehen in eine einzige transzendentale Verbundenheit über. In der überwältigen Einheit des Seins ist nicht viel Platz für Dich und mich. So viele von uns haben Sex nur wegen des Sex.

 

Man kann erleuchteten Sex erreichen, aber vermutlich gibt es ihn ziemlich selten. Für diejenigen, die nur an Erleuchtung interessiert sind, ist das Zölibat möglicherweise eine bessere Wahl. Aber zum Zölibat sollte man nicht ermutigen, es sei denn, es entspricht der natürlichen Neigung des Individuums, denn eine Entscheidung zu treffen, weil jemand sagt, eine Sache sei zu tun – sie sei die richtige, die „reinere“ und „heiligere“ – bringt nur Unruhe und Leid, und sie hält selten an. Brahmacharya ist eine Praxis der Selbstbeschränkung, die Patanjali empfiehlt – sie wird normalerweise direkt als „Zölibat“ übersetzt, was die meisten Menschen mit Enthaltsamkeit gleichsetzen. Brahma bezieht sich auf Gott, und charya ist ein Gefährt, das jemanden an einen Ort bringt.

Damit heißt der Begriff eigentlich „Sex mit der Intention, sich zu Gott hinzubewegen“, was man auch mit „sich zum Yoga hinbewegen“ gleichsetzen könnte.

 

Unsere heutige Sichtweise auf Sex stammt eigentlich aus der Zeit in der Menschheitsgeschichte, in der wir angfangen haben, Tiere zu zähmen, was ihre Zucht und damit ihre sexuelle Manipulation mit sich brachte. Die Tierindustrie behandelt Tiere ohne Rücksicht auf ihr Glück oder Wohlbefinden – sie werden als Objekte betrachtet und behandelt, sexuell missbraucht und schließlich geschlachtet. Die Verbindung zwischen Töten und Sex sollte uns etwas sagen. Wenn so viel unserer Wirtschaft – unserer eigentlichen Lebensweise – darauf basiert, Tiere erst sexuell zu missbrauchen und dann zu töten, wie sollte das nicht unsere intimen Beziehungen zu anderen Menschen beeinflussen? Getrenntsein erlaubt keine Intimität. Wir haben Sex abgespalten in eine Funktion ohne Verantwortung, etwas, das ohne Leidenschaft oder Liebe passiert. Wir haben uns sogar selbst weisgemacht, dass der Körper getrennt von Gehirn und Geist exisitiert. Wir haben das Körperliche vom Spirituellen getrennt.

 

Wie kann man Sex wieder wegbewegen von dem ausbeuterischen Ansatz, der das Körperliche vom Spirituellen getrennt sieht? Es fängt damit an, in anderen Menschen mehr zu sehen als nur ihre Geschlechtsteile, und mehr als nur den Nutzen, den sie uns bringen. Es beginnt damit, die Frage „was können sie für mich tun“ in „was kann ich für sie tun? Wie kann ich ihr Leben verbessern – was kann ich tun, damit sie sich besser, glücklicher, mehr wertgeschätzt fühlen?“. Es beginnt damit, ein Gesicht über das andere zu legen und zu fragen „Wer bist Du? Wer bin ich? Wer sind wir? Was tun wir und warum?“. Dies sind kraftvolle Fragen.

 

Was wir in der Welt sehen, ist nur eine Projektion dessen, was in uns ist. Yoga heißt Einheit, Sex bedeutet Trennung. Yoga bedeutet, sich selbst im Anderen zu sehen, so tief hineinzuschauen, dass Anderssein verschwindet, und wenn dieses Anderssein verschwindet, löst sich Sex auf und Einheit bleibt, und diese Einheit ist Liebe.

 

–Sharon Gannon

 

Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH (Vera Christopeit); englische Originalfassung unter http://www.jivamuktiyoga.com/focus/focus.jsp 

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team