Jivamukti Yoga Fokus des Monats Juni 2011: Praxis und Nicht-Anhaftung

by Sharon Gannon |
June, 2011
Practice and Non-Attachment

abhyasa-vairagyabhyam tan-nirodhah (PYS 1.12)

Die Identifikation mit den Fluktuationen des Geistes wird durch Praxis und durch Nicht-Anhaftung gestoppt.

 

In Sutra 1.2 der Yogasutren definiert Patanjali den Zustand von Yoga als das Ende unserer Identifikation mit den Fluktuationen des Geistes. Dann in Sutra 1.12 bietet er uns eine Methode in zwei Schritten an, um diese Fluktuationen zu stoppen und damit den Zustand von Yoga zu erreichen. Er sagt uns, dass durch die Yogapraxis (abhyasa) und durch Nicht-Anhaftung (vairagya)  es uns möglich ist, damit aufzuhören, uns mit unseren Gedanken zu identifizieren. Und dass wir dann dazu imstande sind, die wahre Realität dessen, was wir sind, zu erkennen.  An diesem Punkt haben wir Erleuchtung erreicht – die Erkenntnis von der Einheit alles Seins, ewige Glückseligkeit.

 

Alles was wir also tun müssen, ist zu praktizieren nichts und niemandem anzuhaften. Das klingt als Konzept alles sehr gut. Aber wie umsetzen? Was bedeuten diese Konzepte wirklich? Abhyasa heißt zu praktizieren. Und etwas zu praktizieren impliziert, dass man eine ganze Weile bei der Sache, die man praktiziert, bleibt. Du gibst dich also mit einer Sache oder einer Tätigkeit ab und jedes Mal, wenn du eine Reaktion dazu zeigst, wie z.B. „Warum muss ich in diesem Beruf arbeiten? Warum hört mir mein Partner nicht zu? Wow, warum müssen wir den Schulterstand fünf Minuten lang halten? oder Warum sollte ich hier sitzen und versuchen zu meditieren, es gibt wichtigere Dinge die ich zu erledigen habe? – nimm es wahr und lass es gehen. Dann nimm deine nächste Reaktion war und lass auch sie gehen. Und so weiter und so weiter… Du tust das so lange es nötig ist.  Und was dann passiert ist, dass die Dinge, die nicht nützlich für dich sind, von selbst wegfallen werden. Und die Dinge, die von Nutzen für dich sind, werden mehr und mehr wachsen. Und letztendlich wirst du in der Lage sein, dich selbst als dein wahres, höheres Selbst zu sehen, anstelle einer Sammlung von Dingen, die sich unaufhörlich bei dir im Kopf drehen und durch deine Gedanken rennen.

 

Und warum machen wir das dann eigentlich nicht alle und lassen nicht alle unser menschliches Leid hinter uns? Einer meiner Lehrer sagte mir einst einmal, jeder könnte den Zustand von Samadhi erreichen, wenn er sich nur in einem Zimmer für drei Wochen einsperrte, in welchem keine Bücher, kein Telefon oder Fernseher, kein Computer oder ähnliches seien. Und dort für 3 Wochen täglich 16 Stunden meditierte. Aber kaum einer kann das, denn schon nach einer kurzen Zeit im Sitzen bekommen wir das Gefühl, wir müssten aufstehen und etwas tun. Unsere vergangenen Handlungen kommen an die Oberfläche und tun ihr bestes, uns zu unterbrechen, uns wegzuziehen; sie machen es uns zu ungemütlich, auf solch eine intensive Weise einfach mit uns zu sitzen. Etwas Störendes erwacht und wir rennen davor weg, wir wechseln den Kanal, so dass wir die unangenehmen Dinge, die in uns erwachen, nie wirklich er- bzw. ausleben. Und wenn wir dies tun (davor wegrennen), verstärken wir diese schwierige Sache, wir machen daraus etwas, dem man nicht begegnen kann, und bewegen uns dadurch nicht weiter. Was gebraucht wird, um etwas so Schwieriges auszusitzen, ist vairagya – Nicht-Anhaftung, Loslösung, Gelassenheit. Vairagya bedeutet, dass wir etwas begegnen können – selbst etwas Positivem – ohne uns damit zu identifizieren, ohne uns davon abhängig zu machen, so dass dieses Etwas gerade nicht Teil davon wird, wie wir uns selbst sehen oder uns selbst definieren. Wenn etwas in dir erwacht, gehe tiefer hinein in dich, begebe dich auf eine energische Recherche, eine wirkliche Forschungsreise in deine Gefühle. Was ist das für eine Sache? Wie lässt sie mich fühlen? —und dann erkennst du, dass – was auch immer für ein Gefühl es in dir auslöst, was auch immer die Erfahrung davon ist, es ist nur das: ein Gefühl, eine Erfahrung und nicht mehr als das; es ist nicht du selbst. Und dann kannst du weiter gehen und dieses Gefühl, diese Erfahrung hinter dir lassen. 

 

Es gibt nur eine Asana und das ist die Beziehung zu dir selbst. Dich mit dir selbst wohl zu fühlen – mit deinem Körper und deiner Seele – ist das Ziel. Indem du dir selbst erlaubst, deine eigene Beziehung zu dir selbst beständig und freudvoll sein zu lassen, wird sich dir dein wahres Selbst zwischen all den Verwirrungen und Veränderungen offenbaren. Das wahre Selbst ist ewig und unveränderlich. Asana und Meditation sind die gleiche Praxis: Bei beiden geht es darum, in der Lage zu sein, bei etwas zu bleiben, egal was passiert. Und darauf zu vertrauen, dass in allem die unendliche Freude, die einzige Realität ist, welche  dein eigenes Selbst ist.

 

Jedes Gefühl, jede Emotion, positiv oder negativ, hat einen Ausgangspunkt, einen Ursprung. In den alten Weisheiten – nicht nur in den yogischen Traditionen, sondern in allen spirituellen Traditionen – ist die Quelle von Allem die Freude. Die Quelle von dem gesamten Universum ist Freude: grenzen- und schrankenlose  Freude. Wenn wir also ein negatives Gefühl, wie z.B. Wut, auflösen möchten, müssen wir diesem negativen Gefühl erlauben, den Kreis zu vollenden. Etwas aufzulösen bedeutet, es zurück zu seinem Ursprung zu bringen, um den Kreis zu schließen. Dieser Prozess ist das, worum es bei Yoga geht. Egal ob es Asana oder Meditation, ein störendes Gefühl oder eine Emotion ist: Du lässt es lange genug sitzen, hältst es aus und lässt es seinen Weg gehen. Du fühlst es also tief und lässt es auf der anderen Seite, dort wo es herkam, nämlich von der vorgenannten ewigen und allumfassende Freude, wieder herauskommen.

 

Das Paradoxe ist, dass wir für eine wirksame Praxis Distanziertheit brauchen, aber um diese Distanziertheit zu erreichen, müssen wir praktizieren. So gehen wir also durch eine Yogaklasse, einen Tag bei der Arbeit, einen Abend zu Hause oder ein Essen bei Freunden.  Und egal was passiert, wir bleiben dabei. Das heißt, wir rennen nicht weg davon, wir geben nicht die Schuld anderen und wir nehmen nicht Zuflucht in Arroganz oder in anderen äußeren mentalen Handlungen. Und selbst wenn wir das dann doch machen, dann nehmen wir das wahr und versuchen, nicht daran anzuheften (versuche zu vermeiden zu sagen „Oh nein, ich bin so schlecht darin, immer nur teil ich aus!“). Und Schritt für Schritt merken wir, dass wir es ein bisschen länger aussitzen können, wir können ein bisschen ruhiger dabei bleiben, und das alles zur selben Zeit. Das genau ist der 2-Schritte-Plan, den Patanjali uns anbietet.

 

– Sharon Gannon

 

 

Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH (JYB-Lehrer Sandra Hammoudah); englische Originalfassung unter http://www.jivamuktiyoga.com/focus/focus.jsp )

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team