Jivamukti Yoga Fokus des Monats März 2011 – Was ist Yoga?

by Sharon Gannon |
March, 2011

yogash chitta-vritti-nirodhah -PYS 1.2

 

In diesem Sutra definiert Patanjali Yoga: Wenn man sich nicht mehr mit seinen Gedanken, mit den Schwankungen des Geistes identifiziert, tritt der Zustand des Yoga ein – die Identifizierung mit dem höheren Selbst, die Samadhi, Freude, Glückseeligkeit und Ekstase ist.

 

Wow, was für ein Konzept! Es ist dieses einfach ausgedrückte Konzept, diese einfach ausgedrückte Idee, aus der sich die Philosophie, die Wege, die Methoden und die Praxis des Yoga herausgeschält und entwickelt haben. Wenn wir aber all die Tausende, vielleicht Millionen, von Büchern berücksichtigen, die seit Patanjali über Yoga geschrieben worden sind, können wir zu dem Schluss kommen, dass die Frage „Was ist Yoga?“ Wissenschaftler, Praktizierende und Anhänger schon seit jeher herausfordert und verwirrt, obwohl uns Patanjali die Antwort mit vier eindeutigen Wörtern gegeben hat. Doch können Worte überhaupt jemals unsere tiefsten Fragen beantworten?

 

Nun, wir können uns zumindest die Worte ansehen und über ihren Sinn nachdenken:

yogash: „dann ist Yoga“

chitta: „der Inhalt des Verstands“

vritti: „die Wechselbewegung, der Strudel (des Chittas)“

nirodhah: „Das Beenden oder das Loslassen der Identifizierung mit den Bewegungen

des Verstandes“.

 

Durch nirodhah kommt es zur Enthüllung des Absoluten, sowie zur gleichzeitigen Verschmelzung damit. Dieses magische Ereignis bedeutet eine Verschiebung der Wahrnehmung oder eine Verschiebung der Identifikation mit dem eigenen selbst/Selbst.

 

Nirodhah ist das, was die Yoga-Praxis bewirken soll. Nirodhah bedeutet im Allgemeinen „Aufhören“ oder „Erlöschen“. Hier bedeutet Nirodhah, dass wir aufhören, uns unserer Persönlichkeit und unserem begrenzten Selbst zu identifizieren, welches aus Gedanken besteht: unsere Gedanken über uns selbst schaffen unsere eigene Realität. Yoga bedeutet Einheit mit dem größeren Selbst: nicht mit dem “selbst” in dem begrenztem Sinne des sterblichen eigenen Körpers/Verstands/Persönlichkeit, sondern mit dem höheren, unsterblichen Selbst, dem göttlichen/unsterblichen/unbegrenzten Selbst. Die Praktiken des Yoga beschäftigen sich mit der Befreiung des atman (Sanskrit: das innere, göttlichen Selbst) von avidiya oder Unwissenheit. Avidiya ist  der Zustand, in dem man sich statt mit dem „großgeschriebenen“ Selbst noch mit dem “kleingeschriebenen” selbst  identifiziert. Durch die Yoga-Praxis wird Nirodhah erreicht und der Praktizierende lernt sein Selbst kennen, atman – das Göttliche in einem Selbst – und das ist Yoga.

 

Yoga stellt sich auf magische Weise ein. Man kann es nicht geschehen lassen und man kann nicht losgehen und es sich holen – man kann Yoga nicht machen. Alles, was man machen kann, ist loszulassen und es wird sich von alleine aufzeigen, weil es immer schon da war. Dieses es – atman – ist, was du wirklich bist.

 

Wenn man aufhört, sich mit seinen Gedanken zu identifizieren, sich über seine Gedanken zu definieren, sich mit seinem Gedankengut zu verwechseln oder sich als das Ergebnis seiner Gedanken zu sehen, wird automatisch der Zustand des Yoga eintreten, die Identifizierung mit atman, dem Göttlichen, denn nachdem wir alles losgelassen haben, ist nichts mehr da, was gedacht oder gefühlt werden kann. Das ist der Grund, warum die Antwort von Patanjali auf die Frage „Was ist Yoga?“ so paradox ist. Er gibt keine Antwort auf die Frage, weil die Antwort nicht erklärt werden kann. Sie kann nur erfahren werden und so kommt es mit kontinuierlicher Praxis, dass sich die Offenbarung zeigt…… und zeigt und zeigt.

 

Die Yogamatte ist ein guter Platz, um diese Erfahrung zu kultivieren. Was geht in deinem Kopf vor, wenn dein Körper in einer Asana ist? „Das ist zu anstrengend? Das dauert zu lange? Das ist nichts für mich? Ich kann das nicht machen, wegen meiner hinteren Oberschenkelmuskulatur? Ahh, endlich, das ist MEINE Asana? Endlich eine Asana, die ich machen kann? Warum unterrichtet der Lehrer so viele Rückbeugen?“ Oder bist du in der Lage, einfach in einer Asana zu bleiben und alle möglichen Gedanken und Gefühle auftauchen zu lassen, ohne sie zu kommentieren und zu beurteilen? In den Yoga Sutren unterstützt uns Patanjali mit viele Praktiken, Asanas eingeschlossen, die es uns erleichtern, zu erkennen, wer wir wirklich sind. Und damit lösen sich alle unsereFragen. Und all das passiert durch Loslassen. Und das ist nirodhah.

 

“Die größten und wichtigsten Lebensprobleme sind im Grunde genommen alle unlösbar; sie müssen es auch sein, denn sie drücken die notwendige Polarität aus, welche jedem selbstregulierenden System immanent ist. Sie können nie gelöst, sondern nur überwachsen werden. Dieses Überwachsen stellt sich bei weiterer Erfahrung als eine Niveauerhöhung des Bewußtseins heraus. Irgendein höheres und weiteres Interesse trat in den Gesichtskreis, und durch diese Erweiterung des Horizontes verlor das unlösbare Problem die Dringlichkeit. Es wurde nicht in sich selber gelöst, sondern verblaßte gegenüber einer neuen und stärkeren Lebensrichtung. Es wurde nicht verdrängt und unbewußt gemacht, sondern erschien bloß in einem anderen Lichte, und so wurde es auch anders. Was auf tieferer Stufe Anlaß zu den wildesten Konflikten und zu panischen Affektstürmen gegeben hätte, erschien nun, vom höheren Niveau der Persönlichkeit betrachtet, wie ein Talgewitter, vom Gipfel eines hohen Berges aus gesehen. Damit ist dem Gewittersturm nichts von seiner Wirklichkeit genommen, aber man ist nicht mehr drin, sondern darüber.”

 

Carl Gustav Jung

 

 

– Sharon Gannon

Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH (JYB-Lehrer Andreas Ruhula); englische Originalfassung unter http://www.jivamuktiyoga.com/focus/focus.jsp )

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team