Jivamukti Yoga Fokus des Monats März 2012: Die Pforten schließen – Die Praxis des Sterbens

by Sharon Gannon |
March, 2012

Die Pforten schließen – Die Praxis des Sterbens

sarva-dvarani samyamya / mano hrdi nirudhya ca murdhny adhaya-atmanah pranam / asthito yoga-dharanam BG VIII.12

 

Wenn wir die Pforten Körpers schließen und den Geist in Richtung Herz ziehen, dann steigt die Lebensenergie in den Kopf. BG VIII.12

 “Das Bewusstsein über die Sterblichkeit ist das Grundgestein des Wegs. Solange man dieses Bewusstsein nicht entwickelt hat, sind alle anderen Praktiken nutzlos.“ Dalai Lama

Der bedeutendste Moment Deines Lebens wird der Deines Todes sein. Erwarte nicht, dass Du zu diesem Zeitpunkt automatisch wissen wirst, was zu tun ist. Wir sterben alle auf die Art, wie wir gelebt haben, also ist die beste Methode, sich auf einen guten Tod vorzubereiten, ein gutes Leben zu führen. Bevor Du es merkst, wird Dein Leben vorbei sein und die Zeit zu sterben ist da.

 

Ich war privilegiert, Zeuge mehrerer Tode zu sein. Manche erlebten große Angst und kämpften, für andere war es friedliches Nachgeben und für wenige ein bewusster und beabsichtigter Vorgang. In allen Fällen spielte sich der Trennungsprozess der Seele von der körperlichen Form gleich ab. Die Stoffe des äußeren Körpers bestehen aus Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther, was entsprechend für die Chakren gilt. Die Loslösung von den Elementen erscheint für jedes Lebewesen in derselben Abfolge des Sterbens. Es kann Tage dauern, bis sich die Elemente auflösen, oder die Loslösung ist in Minuten oder Momenten erreicht, aber es passiert in jedem Fall.

 

Solange die Elemente noch in einem lebendigen Körper vorhanden sind, erfährt die Seele das Leben durch die Sinne, die der Bedeutung der Elemente entsprechen. Der Prozess des Sterbens schließt die Loslösung von den Elementen und Sinnen mit ein, und genau darauf bezieht sich der Vers der Bhagvad Gita, wenn von „Pforten schließen“ die Rede ist. Die graduelle Auflösung eines Elements in das nächste erlaubt es dem Körper, zu zerfallen, und der Seele, in die Krone des Kopfes zu wandern, die den besten Ausgang darstellt (deshalb soll man den Kopf von Sterbenden auch nicht berühren). Wenn das Element Erde und der Geruchssinn sich lösen und zum Element Wasser sich hin bewegen, verlieren wir Stärke und es fällt uns schwer, uns zu bewegen. Wenn das Element Wasser und der Geschmacksssinn zu Feuer werden, können wir sehr durstig werden, aber nicht trinken, und wir verlieren die Kontrolle über unsere Körperflüssigkeiten. Wenn das Element Feuer und der Sehsinn ins Element Luft übergehen, wird uns kalt. Und wenn das Element Luft und der Tastsinn verschwinden, wird es schwerer zu atmen, die Ausatmung wird länger und wir fühlen uns, als würden wir davondriften. An diesem Punkt ist das Prana im Herzchakra und der Übende muss bewusst die Lebensenergie nach oben in den Kopf leiten. Diese letzte notwendige Anstrengung, das Selbst aus der Hülle des Körpers zu stoßen, erfordert alle körperlichen und geistigen Kräfte. Manch einer mag dazu nicht in der Lage sein. 

 

Ich erinnere mich daran, wie ich um 1972 meine möglicherweise erste „Yogaklasse“ hatte. Zum Ende der Stunde wies uns der Lehrer an, uns für die Leichenstellung hinzulegen und sagte uns „spannt Euren Körper an, macht Fäuste mit Händen und Füßen, kneift das Gesicht wie eine Dörrpflaume zusammen und haltet… haltet… haltet… dann atmet aus und lasst los… entspannt.“ Nach dieser Anfangsklasse nahm ich ein paar weitere Klassen, in denen diese Körperanspannung unterrichtet wurde. Aber danach ging ich in Klassen, in denen es nicht unterrichtet wurde, und ich fing an, es als unwichtig zu betrachten und unterrichtete es weder selbst, noch tat ich es in meiner eigenen Praxis. Bis ich den Tod dreier unglaublicher Lebewesen miterlebte, verstand ich den möglichen Grund dieser Praxis des „Körperanspannens“ vor dem Loslassen in Shavasana nicht, ihre mögliche Beziehung zum wirklichen Todeserlebnis  und wie wir uns über diese Praxis auf den Tod vorbereiten können.

 

Die Tode meines 39-jährigen Bruders, der an AIDS starb, der alten Granny-Katze und der eleganten Siamkatze Thai Tea hatten alle etwas gemeinsam, etwas, wie ich später lernte, unübliches. Kurz vor dem Tod, vor dem letzten Schaudern, als die Seele Flügel bekam und davonflog, spannte die jeweilige Person all ihre Muskeln an, verkrampfte sie, spannte sie mehr oder weniger und zog sie dann lang, streckte sie aus und entspannte dann den Körper mit der Ausatmung und entließ die Seele propellerartig aus der Krone des Kopfes. Meine Schwester, die im Krankenhaus als Sterbebegleiterin arbeitet, hat viele Menschen sterben sehen und bemerkte, dass sie diese Art den Körper zu verlassen nur bei unserem Bruder Marty gesehen habe. Als Prof. Robert Thurman, der Leiter des Lehrstuhls für Tibetanischen Buddhismus an der Columbia University New York, mich den Tod meines Bruders beschreiben hörte, sagte er mir, dass es sich dabei um einen wirklich seltenen Tod handelte. „Buddhistische Mönchen üben ihr ganzes Leben, zum Zeitpunkt ihres Todes so zu sterben, aber nur wenige erreichen dies. Es wird phowa oder bewusstes Sterben genannt. Im Moment des Todes stoßen die Übenden ihr Bewusstsein aus dem Körper in das klare Licht der Weisheit.“ Aus meinen Beobachtungen schließe ich, dass in den drei Fällen, deren Zeuge ich war, jede der Personen fähig war, die Handlungen, die „Pforten schließen“ genannt werden, vorzunehmen, um einen bewussten Tod zu sterben. Auch wenn wir in Shavasana nicht wirklich sterben, kann uns die „anspannen/loslassen-Praxis“ zu einer Erfahrung verhelfen, Prana zu lenken, die zum Zeitpunkt unseres Todes hilfreich sein könnte.

 

Wie Michael Franti (in Yes I will) singt, „When you’re at the end of the road, just spread your wings and fly away”. Wenn wir das bewusst und anmutig tun wollen, müssen wir lange vor der Zeit unseres wirklichen Todes damit anfangen. Ein Meister des Shavasana zu werden, könnte dabei helfen.

 

— Sharon Gannon

 

Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH (Vera Christopeit); englische Originalfassung unter http://www.jivamuktiyoga.com/focus/focus.jsp 

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team