Jivamukti Yoga Fokus des Monats November 2011: Brahmacharya und Veganismus

by Sharon Gannon |
November, 2011
Brahmacharya and Veganism

brahmacharya-pratishthayam virya-labhah (PYS II.38)

Wenn man seine sexuelle Energie nicht missbraucht, erreicht man dauerhafte Vitalität, die zu guter Gesundheit führt.

 

In den Yoga Sutras gibt uns Patanjali fünf Empfehlungen, genannt yamas, wie wir andere behandeln sollen, um unsere eigene Befreiung zu erreichen. Das vierte Yama ist brahmacharya, was so viel bedeutet wie „die kreative, sexuelle Kraft zu respektieren und sie nicht zu benutzen, um andere sexuell zu manipulieren“. Brahmacharya ist ein Weg, um zu Gott zu kommen – ein Weg, um zur kreativen Essenz des Universums zu gelangen. Der Begriff wurde manchmal übersetzt als „Kontinenz“ oder „Keuschheit“, was zu vielen Missverständnissen hinsichtlich der praktischen Umsetzung dieses Yamas geführt hat. Brahmacharya zu praktizieren bedeutet, dass Potenzial der sexuellen Energie zu begreifen, welche die Essenz aller physischen und psychologischen Kräfte ist.

 

Wenn mit sexueller Energie weise umgegangen wird, wird sie zu einem Instrument, um Getrennt-Sein und Andersartigkeit zu transzendieren. Wenn sexuelle Energie dagegen benutzt wird, um andere auszubeuten, zu manipulieren oder zu verletzen, bringt sie uns noch tiefer in das Gefühl des Getrennt-Seins und in die Verkennung der Wahrheit (avidya) hinein. Wir Menschen tun dies aus Gewohnheit den Lebewesen an, die wir in landwirtschaftlichen Betrieben eingesperrt halten. Die sexuelle Misshandlung von Tieren ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Sie drückt sich aus in der Zuchtpraxis, in genetischen Manipulation, Kastration, künstlicher Befruchtung, erzwungenen Schwangerschaften der weiblichen Tiere und der Misshandlung ihrer jungen Nachkommen – was alles unter die Kategorie „Viehzucht“ fällt.

 

Tiere in einem Massentierhaltungsbetrieb dürfen keinen normalen sexuellen Kontakt zu anderen Tieren ihrer Spezies pflegen. Die meisten dieser eingesperrten Tiere haben niemals ein Tier des anderen Geschlechts von ihrer Art gesehen. Denn alle Tiere, welche in den Zuchtfabriken geboren werden, stammen von Müttern ab, die künstlich befruchtet wurden. Diese Mütter werden gezwungen, immer und immer wieder schwanger zu werden, bis ihre Fruchtbarkeit nachlässt – dann werden sie geschlachtet und gegessen. Männliche Tiere, die als Samenspender ausgewählt wurden, werden wieder und wieder sexuell missbraucht, um ihren Samen zu „spenden“, leben durchgehend in Frustration und am Ende werden sie ebenso geschlachtet. Diese Praktiken sind krass, gewalttätig und degradierend für die Tiere, ebenso wie sie entmenschlichend für die Farmarbeiter sind, die für diese Arbeiten (künstliche Befruchtung, Samen beschaffen) bezahlt werden. Die Art, wie diese Tiere routinemäßig sexuell missbraucht werden, zeigt nur einmal mehr, wie weit wir uns  von der natürlichen Welt, der Schönheit und dem Wunder des Lebens entfernt haben.

 

Fleischessen kann deshalb durchaus als ein feministisches Thema betrachtet werden. Denn wenn wir an die Rechte der Frauen glauben, können wir es nicht billigen und unterstützen, wie weibliche Tiere für ihre Milch, Eier und Babys ausgebeutet werden. Wenn wir glauben, dass Frauen fair behandelt werden sollten, dann müssen wir unsere Anliegen für die Befreiung der Frauen auf alle Frauen ausdehnen – unabhängig von ihrer Rasse, Religion oder Spezies. Yoga lehrt uns, dass wir das, was wir anderen anderen antun, letztlich uns selbst antun. Wenn wir die Rechte der weiblichen Wesen einer anderen Spezies nicht respektieren, wie können wir dann erwarten, erfolgreich menschliche weibliche Wesen zu befreien? Der Konsum von Fleisch und Milchprodukten ist ein Symptom unseres Leiden an geringem Selbstwertgefühl.

 

Beide Handlungen resultieren aus der falschen Vorstellung, dass man die Geschenke der Natur, die der Mensch beherrschen kann, ausbeuten oder konsumieren muss, um sich sexier, jünger, gesünder oder stärker zu fühlen. Fakt ist, dass das Gegenteil wahr ist. Der Konsum von Fleisch oder Milchprodukten über längere Zeit kann eine Reihe an gesundheitlichen Problemen zur Folge haben, inklusive Herzkrankheiten, Impotenz, Schlaganfall oder Krebs. Patanjali sagt uns deutlich, dass derjenige Gesundheit und Vitalität erreicht, der in Brahmacharya gefestigt ist – also derjenige, der der Sexualität mit Achtung entgegentritt.

 

Die Praxis von Brahmacharya ganz zu erfassen, bedeutet die Basis unserer Kultur in Frage zu stellen, welche auf der Domestizierung von Tieren beruht. Wenn wir von Veganismus und Bahmacharya sprechen, reden wir definitiv über eine radikale sexuelle Revolution.

 

-Sharon Gannon (adaptiert aus ihrem Buch Yoga und Vegetarismus)

Deutsche Übersetzung © Jivamukti Berlin GmbH (JYB-Lehrer Maren Kuntze); englische Originalfassung unter https://jivamuktiyoga.com/focus/focus.jsp )

 

Translation by – Jivamukti Berlin GmbH Team